No Comfort Zone

Monat: August 2019

Transalpine Run spontan und ohne Vorbereitung: Abenteuer oder Leichtsinn?

„Warum läufst du eigentlich nicht beim Transalpine Run mit?“ „Steht für 2020 auf dem Zettel. 2019 sind Einzelstrecken Programm.“ „Aber ein gemeinsamer Freund kann doch nicht starten und jetzt ist sein Team-Platz frei. Wollen wir beide das übernehmen?“ Und ewig lockt der Leichtsinn.

Der Lauf ist in 2 Wochen.

Spezifische Vorbereitungszeit: keine
Erfahrung mit der Laufpartnerin: fast keine

„Bin dabei!“

TAR - Ein Mal über die Alpen laufen (c) Transalpine Run /  Harald Wisthaler
TAR – Ein Mal über die Alpen laufen (c) Transalpine Run / Harald Wisthaler

Sie hat unter anderem auch das magische Wort gesagt: Abenteuer. Oder ist es Leichtsinn, wenn man mal genau hinschaut? Der TAR gehört zu den anspruchsvollsten und härtesten Etappenläufen. Er kreuzt die Alpen von Oberstdorf nach Sulden. Er führt von Deutschland durch Österreich und die Schweiz nach Italien. 274 Kilometer, 16.000 Höhenmeter Aufstieg, 8 Etappen. Wer dort startet, bereitet sich gezielt darauf vor – teilweise ein ganzes Jahr lang. Der TAR bringt aber nicht nur jede LäuferIn an die Grenzen: Es ist ein Team-Lauf. 2er-Teams starten zusammen, laufen zusammen, finishen jeden Abend zusammen. Zeitunterschiede ab 2 Minuten geben Strafzeiten in der Gesamtrechnung. Wer beim TAR startet, trainiert daher auch die Team-Dynamik. Teilweise ein ganzes Jahr lang.

Status Quo:

Spezifische Vorbereitungszeit: keine
Lauferfahrung mit der Laufpartnerin: fast keine
Angst: keine

Klingt extrem nach Leichtsinn. Aber ganz ehrlich: Wenn kein Leichtsinn dabei ist, kann es kein Abenteuer sein. Der X-Faktor, das Unberechenbare, das urtymlichste aller Phänomene – das Schicksal – muss Raum haben, sonst ist es kein Abenteuer, sondern eine Kaffeefahrt. Natürlich hat der Transalpine Run immer genügend X-Faktor, denn es geht in und über die Alpen! Es geht massiv an die Konstitution. Es geht an die Psyche – durch die Abhängigkeit vom Partner noch um so mehr.

Gibt es irgendwas, das für uns spricht? Das uns nicht zu leichtsinnigen Vollidioten aus dem Flachland macht? Ich denke schon: Wir haben beide viele Laufkilometer in den Beinen, sind beide alpin gelaufen, haben beide schon extrem technische Läufe gefinisht – vom Zugspitz Ultratrail über das Tromsø Skyrace bis zu den Infinite Trails. Wir sind beide auf der Höhe unserer Form und unverletzt. Und wir wollen das Abenteuer!

Ich bin gespannt. Aufgeregt. Voller Vorfreude.

Wird das unser TAR 2019 Schicksal? (c) Transalpine Run /  Harald Wisthaler
Wird das unser TAR 2019 Schicksal? (c) Transalpine Run / Harald Wisthaler

Hunsbuckel Trail: ein Juwel der Mittelgebirgsläufe

Warme Sonne, trockene Wiese, Arme und Beine weit von mir gestreckt – ich bin total durch. Der Hunsbuckel Trail 2019 fordert derbe. Hätte ich so nicht erwartet. Neben mir liegt ein Läufer, der noch genügend Energie hatte, eine dünne Jacke überzuziehen. „Ich könnte auch einfach nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Aber zu Hause warten zwei Kinder auf mich und werden mir keine Ruhe lassen. Da bleibe ich lieber noch was hier.“ Sagt‘s und macht sich wieder lang.

So einfach die Szene ist, so typisch ist sie für den HuBuT: Anstrengend, aber auch so wahnsinnig sympathisch. Einer der schönsten Landschaftsläufe in Deutschland. So viel schon vorweg.

Wir hatte dieses Jahr viel Glück. Im Gegensatz zur Hitzeschlacht 2018 war ein verregnetes Wochenende mit Starkregen am Lauftag angesagt. Es ist entsprechend matschig, als es um 7h für rund 200 LangdistanzläuferInnnen losgeht. 66 km, 1.600 Höhenmeter. Es ist dampfig, aber kein Regen. Und es bleibt dampfig. Als läuft man durch eine alte Waschküche, denn im traumhaften Hunsrücker Wald geht natürlich kein Lüftchen – egal wie lauthals die Windräder auf den Hügeln drehen. Singletrails, Wurzeltrails, es flowt, es windet sich, es geht immer leicht auf und ab, über kleine Brücken und Flüsse. Asphalt gibt es nur an den wenigen Straßenquerungen, dafür immer wieder leicht technisches Waldterrain. Die erste Getränkestelle wird von allen Läufern im vorderen Drittel ignoriert, sie kommt ja auch schon nach rund 5 km.

Burgruine am 1. VP (c) Hunsbuckel Trail via Facebook
Burgruine am 1. VP (c) Hunsbuckel Trail via Facebook

Bis zur ersten echten VP dauert es rund 18 km. Malerisch vor einer Burgruine. Wow. Die Auswahl ist mit Obst, Keksen und Tucs rudimentär, die HelferInnen dafür so wahnsinnig nett, dass man gerne bleiben möchte. Gemeinsam noch ein paar Kekse naschen und die Ruine vor aufklarendem Himmel genießen. Aber es ruft das nächste Highlight: Deutschlands höchste und längste Hängebrücke – die Geierley. Aushängeschild des HuBuT, zusätzlicher Touri-Magnet für den Hunsrück. Der Weg dorthin windet sich genauso schön weiter wie bisher, bis er sich über ein paar Serpentinen um etwa 300 Höhenmeter hochschraubt. Und da ist sie. Die Geierley. Erst drunter durchgelaufen, Bogen, und schon ist man drauf. Was ein geiles Gefühl!

Die atemberaubende Geierlay (c)   Hängeseilbrücke Geierlay in Mörsdorf via Facebook
Die atemberaubende Geierlay (c) Hängeseilbrücke Geierlay in Mörsdorf via Facebook

Keine Spur von Höhenangst bei den Läufern. Auch ich gebe Gas, spurte das Gefälle hinunter, 100 Meter über dem malerischen Tal. Auf der anderen Seite betreten ein paar Touris die Brücke. Das Konstrukt ist ihnen nicht geheuer. Eine Hand krampft am Geländer, unsicher ein Fuß vor dem nächsten. Dass ihnen ständig Verrückte mit breitem Grinsen entgegenlaufen, macht es wohl nicht besser.

Das erste Drittel des HuBuT ist rum. Was soll nach solchen Highlights noch kommen? Weiter Singletrails natürlich, dazu kleine Klettersteigchen wie den Diellaysteig mit Fußrasten und Führungsseil (Alpinisten: Klappe halten, es hat Spaß gemacht!), Felshöhlen, ziemlich alte Ruinen, feinster Mischwald, weiter auf und ab. Warum war ich eigentlich als Kind nie hier? So viele Spielplätze!

Langsam machen sich aber auch die Kilometer und Höhenmeter bemerkbar. Über viele Anstiege bügel ich weg – Tendenz aber fallend. Im zweiten Drittel ziehen einige Läufer an mir vorbei. Sehen wir uns im letzten Drittel nochmal? Die Beine werden schwerer und schwerer. Die VPs kommen spärlich. Es gibt nur vier, die Distanzen dazwischen 12 bis 14 Kilometer. Leichte Verwirrung am letzten VP. Die Uhr sagt 57 km, also noch 9 km bis zum Ziel. Die HelferInnen sagen, wir seien schon bei 59 km. Die Kraftreserven würde es freuen.

Wir sind bald in Kastellaun. Schönes Städtchen mit Fachwerkhäusern, Burgruine, Stadtmauer. Ich war gestern schon hier und weiß, wo wir sind – es sind jetzt nur noch rund 6 Kilometer. Ab dafür. Berg hoch. Die anderen gehen, ich ziehe vorbei. Sammel diverse LäuferInnen ein. Da längst alle drei Strecken wieder vereint sind (66 / 39 / 12 km) ist nicht ganz klar, wie sich das auf die Platzierung auswirken wird. Ist aber auch egal. Ich bin eh alle und will nur noch ankommen.

Wir verlassen Kastellaun. Im Wald kommen wir bald wieder auf den vom Hinweg bekannten Weg. Doof, dass es beständig latent bergauf geht. Mein Kastellaunschub fordert Tribut. Durchhalten. Noch 3 km? Müsste hinkommen. Weiter leicht bergauf. Irgendwann, irgendwann zeigt die Uhr das Ziel an. Noch zwei Matschwegabbiegungen, dann der Zielbogen. Ein paar Zuschauer stehen auf dem Feld, klatschen. Gib nochmal etwas Gas, du willst doch nicht wie ein Zombie einlaufen. Danke auch, innere Stimme.

Final werden es 7:45 h und Platz 30. Ich bin zufrieden, hatte aber eigentlich mit etwas weniger bei beidem gerechnet. Merke: unterschätze niemals unsere Mittelgebirgsrennen!

Glücklich und voll im Arsch liege ich auf der Wiese, die nicht im Starkregen zerwalkt ist, sondern trocken und warm. Ein Segen. Und der passende Abschluss dieses tollen Rennens, das bestens und ohne großen Schnickschnack, dafür mit einer tollen Route und viel familiärer Atmosphäre organisiert ist. Inklusive übrigens Übernachtungsmöglichkeiten im örtlichen Gemeindehaus / Turnhalle, wo es auch Duschen gibt.

Einzig zwei kleine Kritikpunkte: Für überregionale Starter – ja: mich zum Beispiel – ist Sonntag als Lauftag ausgesprochen unpraktisch. Eine lange Heimreise, die mit ÖPNV übrigens unmöglich ist, ist an einem Samstag mit freiem Sonntag danach einfach relaxter. Und die angekündigt „kaiserlichen“ Verpflegungsstellen waren im Vergleich zu anderen Läufen doch eher solide. Es gab von allem genug und die HelferInnen waren großartig, aber es waren zum Beispiel weder Gels noch Riegel dabei. Das ist per se kein Problem. Eine so große Ankündigung führt aber dazu, dass die Eigenverpflegung kleiner gehalten wird. Keine gute Kombi bei einem 66 km Lauf und nur vier VPs. Das ist aber nur eine Frage der Kommunikation. Also kein Beinbruch.

Kurzer Gedanke im Gras: Das German Traillrunning Cup Finisher-Shirt ist damit auch im Sack. Bleichlochlauf: Check. Mtut: Check. HuBuT: Check. Jetzt noch den großartigen Heldentrail – oder kommt da vielleicht ein spontaner Transalpine Run dazwischen? Das wäre eine dumme Idee… Aber ich mag dumme Ideen!

HuBuT – es war eine Freude. So ein Juwel von Trailrun findet man selten in unseren Mittelgebirgen. Wir sehen uns 2020!

Hunsbuckel Trail Höhenprofil (c) strava.com
Hunsbuckel Trail Höhenprofil (c) strava.com

Tromsø Skyrace: Wenn du glaubst, du kennst dich mit Trailrunning aus

„Sorry guys, sorry guys.“ Vom winzigen Hamperokken-Gipfel auf 1404 Metern geht es senkrecht runter. Ein Kletterseil als Hilfe – nicht als Sicherung. Der Italiener vor mir ist kurz vor Panik, kurz vor Starre. „Easy man, take your time. No hurry. We all want to get down alive.“ Zitternd schiebt er einen Fuß vor den anderen, krallt sich am Felsen fest. Es sind etwa 20 Meter, bis die Bergspitze sich minimal weitet, das Seil endet. Er schafft es. Stützt sich an die Felswand. Bleich. Atmung kurz vor Hyperventilation. „Do you need anything? Do you have water?“ Er nickt, winkt ab. Wir steigen weiter runter.

Die nächsten rund 800 Höhenmeter abwärts denke ich öfter an ihn. Er wird sich nur noch nach Hause wünschen, denn der Abstieg besteht ausschließlich aus rutschigem Sand, Steinen und immer wieder Felsspitzen. Keine Absturzgefahr, aber fiese Knochenbrechsturzgefahr. Mich schmeißt es nach der Hälfte. Schwerpunkt runter, auf dem Arsch landen. Alles gut. „Falling here is easy, it‘s perhaps the most technical part,“ muntert mich ein Norweger auf, nachdem er sich versichert hat, dass ich ok bin. Er macht den Harakiri-Abstieg schneller als ich. Stürzt selber 3 Minuten später. Rutscht. Rappelt sich auf. Weiter. Ich will nur noch von diesem verdammten Berg runter.

Tromsø Skyrace - Abstieg vom Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Abstieg vom Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Als wir endlich am wunderschönen Bergsee ankommen denke ich an die erste Hälfte des Tromsø Skyrace. Da dachte ich schon, ich hätte verstanden, was mit „extremely technical“ gemeint war. Nach weniger als 3 km durch Tromsø geht es einen schönen Trail zur Seilbahnstation hoch, von dort weiter auf den Bønntuva. Bevor wir oben sind, passieren wir das erste endlose wirkende Geröllfeld. Aufpassen, bevor es wieder flowig wird. Leichte Trails, downhill, Fersengas. Eine Freude. Dann der nächste Anstieg. Immer weiter. Steil. Es wird tatsächlich eng mit der Cut Off Zeit. Das ist ein bisher unbekanntes Gefühl. Und es geht immer weiter hoch.

Als wir irgendwann auf dem Tromsdalstinden auf 1238 Metern ankommen, 20 Minuten vor den 3h Cut Off, der erste ernsthafte WTF-Moment: Der Ausblick ist zwar traumhaft, aber der Track geht auf der anderen Seite weiter. Und zwar nahezu senkrecht über ein bis an den Gipfel führendes Schneefeld runter. Nach ein paar Metern werden es „nur noch“ 45% Gefälle. Wäre das eine Wasserrutsche, wäre sie verdammt steil. Es ist aber keine Wasserrutsche, sondern ein verdammter Berghang! Und ich stehe auf dem Gipfel und soll da runter! Die Läufer vor mir setzen sich und rutschen auf dem Hintern los. Nicht nachdenken. Hinsetzen. Und ab. Füße voraus, Hände hinter mir in den vereisten Schnee. Wäre es nicht so kalt und wäre das nicht ein Berghang, es würde Spaß machen.

Kaum überlebt, geht der Abstieg weiter. Über 1.000 Höhenmeter, extremes Gefälle, Vorsicht bei jedem Schritt. Die nächste Hochebene ist zwar zu sehen, aber scheußllich weit weg. Und als wir sie endlich erreichen, kommt mein persönlicher Hassfeind diverser Wanderungen: Flussquerungen. Ich hasse Flussquerungen! Aber wie will man mit trockenen Füßen ordentliche Blasen kriegen? Also durch. Immerhin, es gibt genügend Trinkwasser. Der Abstieg geht danach natürlich weiter.

Tromsø Skyrace - Flussquerungen (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Flussquerungen (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Endlich Ebene. Können die Beine nach der Tortur noch laufen? Sie können, sie müssen, sie laufen. Nach ca. 2 km die zweite VP. Breivikeidet, 40 Minuten vor Cut Off. Geht doch. Damit habe ich 1:40h, um bis zum Eingang von The Rdige zu kommen. Dem legendären Grat hoch zum Hamperokken-Gipfel. Harter Cut Off dort. 2 Minuten zu spät heißt umdrehen. Also weiter hoch.

Tromsø Skyrace kennt anscheinend nur 2 Geländerformen: steil hoch oder steil runter. Es bleibt steinig, technisch, abschüssig, anstrengend. Achte auf den Weg, nicht die Aussicht und schon gar nicht den Abhang nach unten.

Eingang The Ridge. Gute 30 Minuten vor der Zeit. Ja, es gibt sowas wie einen Trail hier oben. Aber links und rechts geht es mehrere hundert Meter runter und es gilt immer wieder vorstehende Felsen zu umrunden, hochzukrackseln. Wir sind viel auf Händen und Füßen unterwegs. Der Blick auf den Hamperokken-Gipfel ist ehrfurchtgebietend – um es vorsichtig zu sagen.

(Zum vergrößern der Bilder einfach draufklicken.)

Majestätisch, hoch, einsam die Spitze. Gedanklich steht da oben Saruman und kommandiert seine Orks. Konzentration! Es ist erstaunlich, zu wie viel Fokus und Einsatz der Körper nach der bisherigen Leistung in der Lage ist. Positiver Nebeneffekt: da wirklich jeder Schritt, jeder Griff volle Aufmerksamkeit verlangt bleibt überhaupt keine Zeit für die eine fatale Frage: Warum zur Hölle mache ich das?! Dann der Gipfel. 15 Meter mit Seilhilfe hoch. Wow.

Tromsø Skyrace - Gipfel des Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Gipfel des Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Kein Saruman hier oben. Dann also wieder runter. Es sind 90 Minuten bis Cut Off an der VP Breivikeidet. Der ist weit weg.

Zurück zum Bergsee. Während wir durch den Schnee schliddern ruft uns ein Streckenposten zu: „40 minutes left!“ Scheiße, so fühlt sich also ernsthafter Cut-Off-Druck an. Vor uns Geröllfelder. Natürlich. Wie sollen wir da Tempo machen? Ich bin doch nicht den ganzen verdammten Weg gekommen, um dann aus dem Rennen genommen zu werden! Zügig aber vorsichtig weiter. Irgendwann wieder Wald und Ebene. Den Teil kennen wir vom Hinweg. 17 Minuten noch. Kopf an Beine: performt. DNF steht heute nicht zu Debatte! Tempo. 10 Minuten noch. Ich hole andere Läufer ein. Überhole. Eine Norwegerin und ich starten zum Spurt. Matsch. Fluss. Downhill.

DNF.

Ist.

Keine.

Option!

4 Minuten vor Cut Off erreichen wir den Kontrollpunkt. Danke Beine. Ich bleibe im Rennen. Und muss mich der Frage stellen, wie ich den verdammten Tromsdalstinden hochkommen soll. Der Hinweg war steil, aber der Rückweg ist eine Wand. Eine verdammte, 1.100 Meter ansteigende Wand.

Kaum noch Läufer. Wieder Flussquerungen. Weit über 45% Steigung. Ich schließe zu den wenigen Läufern vor mir auf. Schneefelder. Und endlich DAS Schneefeld. Es ist steil und rutschig. Immer wieder rutsche ich auf der entstandenen Tritttreppe weg, Fäuste in den grob kristallisierten Schnee. Als ich endlich über die Gipfelkante komme, strahlt mir die Sonne ins Gesicht. Ich merke erst jetzt, dass ich sie seit Anfang dieses Höllenanstiegs nicht mehr gesehen habe. Eine Rotkreuzmitarbeiterin versorgt uns mit Trockenbeeren und Peanuts. „Are you ok?“ fragt sie besorgt, als ich mich setze. Klaro, bin ja jetzt oben. Aber der Ausblick muss kurz genossen werden.

Tromsø Skyrace - letzter Abstieg vom  Tromsdalstinden (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – letzter Abstieg vom Tromsdalstinden (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Was jetzt kommt, ist machbar. Rutschiger Abstieg. Geröllfeld. Nichts neues hier. Dann: flowige und leicht abschüssige Trails. Ich lasse die Beine laufen, es sind noch rund 15 km. Irgendwann kommen nochmal rund 300 Höhenmeter dazu. Easy. Technisch ist hier nichts mehr. Ich passiere einen auf seine Stöcke gestützten Läufer der sich übergibt. „Do you need anything? Do you have water?“ Die Standardfrage. Er winkt ab. „Keep on pushing.“

Ich sehe Tromsø. Zum greifen nah. Die Brücke. Die Kirche Ishavskatedralen. Als ich den ersten Schritt auf die laute, stinkige, nervige Brücke setze merke ich erst, wie sehr ich dieses Stück Stadt herbeigesehnt habe. Bisschen rauf, mehr runter, am Wasser entlang zum Ziel. Passanten klatschen. Letzte Kurve. Zielbogen. Verdammt viele Menschen dahinter. Die Beine laufen. Ich werde angekündigt.

Tromsø Skyrace - Finish
Tromsø Skyrace – Finish

Bam. Tromsø Skyrace 2019 ist geschafft. 58 km, etwas über 4.700 Höhenmeter, 12:42 h. Es ist das krasseste Rennen, das ich je erlebt habe. Technisch. Gefährlich. Fordernd. Definitiv nur für erfahrene LäuferInnen.

Wir hatten das Glück, bei strahlendem Sonnenschein zu laufen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie The Ridge ist, wenn der Fels feucht vom Nebel ist. Wie die Abstiege sind, wenn der Boden regennass und matschig ist.

Das Tromsø Skyrace sollte das Abenteuer 2019 für mich werden. Und genau das wurde es auch. Ich nehme eine Menge Erfahrungen mit nach Hause. Und Dankbarkeit, dass ich diesen Lauf gesund und innerhalb der für Hobbyläufer harten Cut Off Zeiten laufen konnte.

Trotz der perfekten Bedingungen haben 36% der 188 Starter aufgegeben oder wurden aus dem Rennen genommen.

Tromsø Skyrace - Höhenprofil (c) strava.com
Tromsø Skyrace – Höhenprofil (c) strava.com
Und so sah das bei den Profis aus

(Fotos (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019)

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