No Comfort Zone

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Transalpine Run spontan und ohne Vorbereitung: Abenteuer oder Leichtsinn?

„Warum läufst du eigentlich nicht beim Transalpine Run mit?“ „Steht für 2020 auf dem Zettel. 2019 sind Einzelstrecken Programm.“ „Aber ein gemeinsamer Freund kann doch nicht starten und jetzt ist sein Team-Platz frei. Wollen wir beide das übernehmen?“ Und ewig lockt der Leichtsinn.

Der Lauf ist in 2 Wochen.

Spezifische Vorbereitungszeit: keine
Erfahrung mit der Laufpartnerin: fast keine

„Bin dabei!“

TAR - Ein Mal über die Alpen laufen (c) Transalpine Run /  Harald Wisthaler
TAR – Ein Mal über die Alpen laufen (c) Transalpine Run / Harald Wisthaler

Sie hat unter anderem auch das magische Wort gesagt: Abenteuer. Oder ist es Leichtsinn, wenn man mal genau hinschaut? Der TAR gehört zu den anspruchsvollsten und härtesten Etappenläufen. Er kreuzt die Alpen von Oberstdorf nach Sulden. Er führt von Deutschland durch Österreich und die Schweiz nach Italien. 274 Kilometer, 16.000 Höhenmeter Aufstieg, 8 Etappen. Wer dort startet, bereitet sich gezielt darauf vor – teilweise ein ganzes Jahr lang. Der TAR bringt aber nicht nur jede LäuferIn an die Grenzen: Es ist ein Team-Lauf. 2er-Teams starten zusammen, laufen zusammen, finishen jeden Abend zusammen. Zeitunterschiede ab 2 Minuten geben Strafzeiten in der Gesamtrechnung. Wer beim TAR startet, trainiert daher auch die Team-Dynamik. Teilweise ein ganzes Jahr lang.

Status Quo:

Spezifische Vorbereitungszeit: keine
Lauferfahrung mit der Laufpartnerin: fast keine
Angst: keine

Klingt extrem nach Leichtsinn. Aber ganz ehrlich: Wenn kein Leichtsinn dabei ist, kann es kein Abenteuer sein. Der X-Faktor, das Unberechenbare, das urtymlichste aller Phänomene – das Schicksal – muss Raum haben, sonst ist es kein Abenteuer, sondern eine Kaffeefahrt. Natürlich hat der Transalpine Run immer genügend X-Faktor, denn es geht in und über die Alpen! Es geht massiv an die Konstitution. Es geht an die Psyche – durch die Abhängigkeit vom Partner noch um so mehr.

Gibt es irgendwas, das für uns spricht? Das uns nicht zu leichtsinnigen Vollidioten aus dem Flachland macht? Ich denke schon: Wir haben beide viele Laufkilometer in den Beinen, sind beide alpin gelaufen, haben beide schon extrem technische Läufe gefinisht – vom Zugspitz Ultratrail über das Tromsø Skyrace bis zu den Infinite Trails. Wir sind beide auf der Höhe unserer Form und unverletzt. Und wir wollen das Abenteuer!

Ich bin gespannt. Aufgeregt. Voller Vorfreude.

Wird das unser TAR 2019 Schicksal? (c) Transalpine Run /  Harald Wisthaler
Wird das unser TAR 2019 Schicksal? (c) Transalpine Run / Harald Wisthaler

Hunsbuckel Trail: ein Juwel der Mittelgebirgsläufe

Warme Sonne, trockene Wiese, Arme und Beine weit von mir gestreckt – ich bin total durch. Der Hunsbuckel Trail 2019 fordert derbe. Hätte ich so nicht erwartet. Neben mir liegt ein Läufer, der noch genügend Energie hatte, eine dünne Jacke überzuziehen. „Ich könnte auch einfach nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Aber zu Hause warten zwei Kinder auf mich und werden mir keine Ruhe lassen. Da bleibe ich lieber noch was hier.“ Sagt‘s und macht sich wieder lang.

So einfach die Szene ist, so typisch ist sie für den HuBuT: Anstrengend, aber auch so wahnsinnig sympathisch. Einer der schönsten Landschaftsläufe in Deutschland. So viel schon vorweg.

Wir hatte dieses Jahr viel Glück. Im Gegensatz zur Hitzeschlacht 2018 war ein verregnetes Wochenende mit Starkregen am Lauftag angesagt. Es ist entsprechend matschig, als es um 7h für rund 200 LangdistanzläuferInnnen losgeht. 66 km, 1.600 Höhenmeter. Es ist dampfig, aber kein Regen. Und es bleibt dampfig. Als läuft man durch eine alte Waschküche, denn im traumhaften Hunsrücker Wald geht natürlich kein Lüftchen – egal wie lauthals die Windräder auf den Hügeln drehen. Singletrails, Wurzeltrails, es flowt, es windet sich, es geht immer leicht auf und ab, über kleine Brücken und Flüsse. Asphalt gibt es nur an den wenigen Straßenquerungen, dafür immer wieder leicht technisches Waldterrain. Die erste Getränkestelle wird von allen Läufern im vorderen Drittel ignoriert, sie kommt ja auch schon nach rund 5 km.

Burgruine am 1. VP (c) Hunsbuckel Trail via Facebook
Burgruine am 1. VP (c) Hunsbuckel Trail via Facebook

Bis zur ersten echten VP dauert es rund 18 km. Malerisch vor einer Burgruine. Wow. Die Auswahl ist mit Obst, Keksen und Tucs rudimentär, die HelferInnen dafür so wahnsinnig nett, dass man gerne bleiben möchte. Gemeinsam noch ein paar Kekse naschen und die Ruine vor aufklarendem Himmel genießen. Aber es ruft das nächste Highlight: Deutschlands höchste und längste Hängebrücke – die Geierley. Aushängeschild des HuBuT, zusätzlicher Touri-Magnet für den Hunsrück. Der Weg dorthin windet sich genauso schön weiter wie bisher, bis er sich über ein paar Serpentinen um etwa 300 Höhenmeter hochschraubt. Und da ist sie. Die Geierley. Erst drunter durchgelaufen, Bogen, und schon ist man drauf. Was ein geiles Gefühl!

Die atemberaubende Geierlay (c)   Hängeseilbrücke Geierlay in Mörsdorf via Facebook
Die atemberaubende Geierlay (c) Hängeseilbrücke Geierlay in Mörsdorf via Facebook

Keine Spur von Höhenangst bei den Läufern. Auch ich gebe Gas, spurte das Gefälle hinunter, 100 Meter über dem malerischen Tal. Auf der anderen Seite betreten ein paar Touris die Brücke. Das Konstrukt ist ihnen nicht geheuer. Eine Hand krampft am Geländer, unsicher ein Fuß vor dem nächsten. Dass ihnen ständig Verrückte mit breitem Grinsen entgegenlaufen, macht es wohl nicht besser.

Das erste Drittel des HuBuT ist rum. Was soll nach solchen Highlights noch kommen? Weiter Singletrails natürlich, dazu kleine Klettersteigchen wie den Diellaysteig mit Fußrasten und Führungsseil (Alpinisten: Klappe halten, es hat Spaß gemacht!), Felshöhlen, ziemlich alte Ruinen, feinster Mischwald, weiter auf und ab. Warum war ich eigentlich als Kind nie hier? So viele Spielplätze!

Langsam machen sich aber auch die Kilometer und Höhenmeter bemerkbar. Über viele Anstiege bügel ich weg – Tendenz aber fallend. Im zweiten Drittel ziehen einige Läufer an mir vorbei. Sehen wir uns im letzten Drittel nochmal? Die Beine werden schwerer und schwerer. Die VPs kommen spärlich. Es gibt nur vier, die Distanzen dazwischen 12 bis 14 Kilometer. Leichte Verwirrung am letzten VP. Die Uhr sagt 57 km, also noch 9 km bis zum Ziel. Die HelferInnen sagen, wir seien schon bei 59 km. Die Kraftreserven würde es freuen.

Wir sind bald in Kastellaun. Schönes Städtchen mit Fachwerkhäusern, Burgruine, Stadtmauer. Ich war gestern schon hier und weiß, wo wir sind – es sind jetzt nur noch rund 6 Kilometer. Ab dafür. Berg hoch. Die anderen gehen, ich ziehe vorbei. Sammel diverse LäuferInnen ein. Da längst alle drei Strecken wieder vereint sind (66 / 39 / 12 km) ist nicht ganz klar, wie sich das auf die Platzierung auswirken wird. Ist aber auch egal. Ich bin eh alle und will nur noch ankommen.

Wir verlassen Kastellaun. Im Wald kommen wir bald wieder auf den vom Hinweg bekannten Weg. Doof, dass es beständig latent bergauf geht. Mein Kastellaunschub fordert Tribut. Durchhalten. Noch 3 km? Müsste hinkommen. Weiter leicht bergauf. Irgendwann, irgendwann zeigt die Uhr das Ziel an. Noch zwei Matschwegabbiegungen, dann der Zielbogen. Ein paar Zuschauer stehen auf dem Feld, klatschen. Gib nochmal etwas Gas, du willst doch nicht wie ein Zombie einlaufen. Danke auch, innere Stimme.

Final werden es 7:45 h und Platz 30. Ich bin zufrieden, hatte aber eigentlich mit etwas weniger bei beidem gerechnet. Merke: unterschätze niemals unsere Mittelgebirgsrennen!

Glücklich und voll im Arsch liege ich auf der Wiese, die nicht im Starkregen zerwalkt ist, sondern trocken und warm. Ein Segen. Und der passende Abschluss dieses tollen Rennens, das bestens und ohne großen Schnickschnack, dafür mit einer tollen Route und viel familiärer Atmosphäre organisiert ist. Inklusive übrigens Übernachtungsmöglichkeiten im örtlichen Gemeindehaus / Turnhalle, wo es auch Duschen gibt.

Einzig zwei kleine Kritikpunkte: Für überregionale Starter – ja: mich zum Beispiel – ist Sonntag als Lauftag ausgesprochen unpraktisch. Eine lange Heimreise, die mit ÖPNV übrigens unmöglich ist, ist an einem Samstag mit freiem Sonntag danach einfach relaxter. Und die angekündigt „kaiserlichen“ Verpflegungsstellen waren im Vergleich zu anderen Läufen doch eher solide. Es gab von allem genug und die HelferInnen waren großartig, aber es waren zum Beispiel weder Gels noch Riegel dabei. Das ist per se kein Problem. Eine so große Ankündigung führt aber dazu, dass die Eigenverpflegung kleiner gehalten wird. Keine gute Kombi bei einem 66 km Lauf und nur vier VPs. Das ist aber nur eine Frage der Kommunikation. Also kein Beinbruch.

Kurzer Gedanke im Gras: Das German Traillrunning Cup Finisher-Shirt ist damit auch im Sack. Bleichlochlauf: Check. Mtut: Check. HuBuT: Check. Jetzt noch den großartigen Heldentrail – oder kommt da vielleicht ein spontaner Transalpine Run dazwischen? Das wäre eine dumme Idee… Aber ich mag dumme Ideen!

HuBuT – es war eine Freude. So ein Juwel von Trailrun findet man selten in unseren Mittelgebirgen. Wir sehen uns 2020!

Hunsbuckel Trail Höhenprofil (c) strava.com
Hunsbuckel Trail Höhenprofil (c) strava.com

Tromsø Skyrace: Wenn du glaubst, du kennst dich mit Trailrunning aus

„Sorry guys, sorry guys.“ Vom winzigen Hamperokken-Gipfel auf 1404 Metern geht es senkrecht runter. Ein Kletterseil als Hilfe – nicht als Sicherung. Der Italiener vor mir ist kurz vor Panik, kurz vor Starre. „Easy man, take your time. No hurry. We all want to get down alive.“ Zitternd schiebt er einen Fuß vor den anderen, krallt sich am Felsen fest. Es sind etwa 20 Meter, bis die Bergspitze sich minimal weitet, das Seil endet. Er schafft es. Stützt sich an die Felswand. Bleich. Atmung kurz vor Hyperventilation. „Do you need anything? Do you have water?“ Er nickt, winkt ab. Wir steigen weiter runter.

Die nächsten rund 800 Höhenmeter abwärts denke ich öfter an ihn. Er wird sich nur noch nach Hause wünschen, denn der Abstieg besteht ausschließlich aus rutschigem Sand, Steinen und immer wieder Felsspitzen. Keine Absturzgefahr, aber fiese Knochenbrechsturzgefahr. Mich schmeißt es nach der Hälfte. Schwerpunkt runter, auf dem Arsch landen. Alles gut. „Falling here is easy, it‘s perhaps the most technical part,“ muntert mich ein Norweger auf, nachdem er sich versichert hat, dass ich ok bin. Er macht den Harakiri-Abstieg schneller als ich. Stürzt selber 3 Minuten später. Rutscht. Rappelt sich auf. Weiter. Ich will nur noch von diesem verdammten Berg runter.

Tromsø Skyrace - Abstieg vom Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Abstieg vom Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Als wir endlich am wunderschönen Bergsee ankommen denke ich an die erste Hälfte des Tromsø Skyrace. Da dachte ich schon, ich hätte verstanden, was mit „extremely technical“ gemeint war. Nach weniger als 3 km durch Tromsø geht es einen schönen Trail zur Seilbahnstation hoch, von dort weiter auf den Bønntuva. Bevor wir oben sind, passieren wir das erste endlose wirkende Geröllfeld. Aufpassen, bevor es wieder flowig wird. Leichte Trails, downhill, Fersengas. Eine Freude. Dann der nächste Anstieg. Immer weiter. Steil. Es wird tatsächlich eng mit der Cut Off Zeit. Das ist ein bisher unbekanntes Gefühl. Und es geht immer weiter hoch.

Als wir irgendwann auf dem Tromsdalstinden auf 1238 Metern ankommen, 20 Minuten vor den 3h Cut Off, der erste ernsthafte WTF-Moment: Der Ausblick ist zwar traumhaft, aber der Track geht auf der anderen Seite weiter. Und zwar nahezu senkrecht über ein bis an den Gipfel führendes Schneefeld runter. Nach ein paar Metern werden es „nur noch“ 45% Gefälle. Wäre das eine Wasserrutsche, wäre sie verdammt steil. Es ist aber keine Wasserrutsche, sondern ein verdammter Berghang! Und ich stehe auf dem Gipfel und soll da runter! Die Läufer vor mir setzen sich und rutschen auf dem Hintern los. Nicht nachdenken. Hinsetzen. Und ab. Füße voraus, Hände hinter mir in den vereisten Schnee. Wäre es nicht so kalt und wäre das nicht ein Berghang, es würde Spaß machen.

Kaum überlebt, geht der Abstieg weiter. Über 1.000 Höhenmeter, extremes Gefälle, Vorsicht bei jedem Schritt. Die nächste Hochebene ist zwar zu sehen, aber scheußllich weit weg. Und als wir sie endlich erreichen, kommt mein persönlicher Hassfeind diverser Wanderungen: Flussquerungen. Ich hasse Flussquerungen! Aber wie will man mit trockenen Füßen ordentliche Blasen kriegen? Also durch. Immerhin, es gibt genügend Trinkwasser. Der Abstieg geht danach natürlich weiter.

Tromsø Skyrace - Flussquerungen (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Flussquerungen (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Endlich Ebene. Können die Beine nach der Tortur noch laufen? Sie können, sie müssen, sie laufen. Nach ca. 2 km die zweite VP. Breivikeidet, 40 Minuten vor Cut Off. Geht doch. Damit habe ich 1:40h, um bis zum Eingang von The Rdige zu kommen. Dem legendären Grat hoch zum Hamperokken-Gipfel. Harter Cut Off dort. 2 Minuten zu spät heißt umdrehen. Also weiter hoch.

Tromsø Skyrace kennt anscheinend nur 2 Geländerformen: steil hoch oder steil runter. Es bleibt steinig, technisch, abschüssig, anstrengend. Achte auf den Weg, nicht die Aussicht und schon gar nicht den Abhang nach unten.

Eingang The Ridge. Gute 30 Minuten vor der Zeit. Ja, es gibt sowas wie einen Trail hier oben. Aber links und rechts geht es mehrere hundert Meter runter und es gilt immer wieder vorstehende Felsen zu umrunden, hochzukrackseln. Wir sind viel auf Händen und Füßen unterwegs. Der Blick auf den Hamperokken-Gipfel ist ehrfurchtgebietend – um es vorsichtig zu sagen.

(Zum vergrößern der Bilder einfach draufklicken.)

Majestätisch, hoch, einsam die Spitze. Gedanklich steht da oben Saruman und kommandiert seine Orks. Konzentration! Es ist erstaunlich, zu wie viel Fokus und Einsatz der Körper nach der bisherigen Leistung in der Lage ist. Positiver Nebeneffekt: da wirklich jeder Schritt, jeder Griff volle Aufmerksamkeit verlangt bleibt überhaupt keine Zeit für die eine fatale Frage: Warum zur Hölle mache ich das?! Dann der Gipfel. 15 Meter mit Seilhilfe hoch. Wow.

Tromsø Skyrace - Gipfel des Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – Gipfel des Hamperokken (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Kein Saruman hier oben. Dann also wieder runter. Es sind 90 Minuten bis Cut Off an der VP Breivikeidet. Der ist weit weg.

Zurück zum Bergsee. Während wir durch den Schnee schliddern ruft uns ein Streckenposten zu: „40 minutes left!“ Scheiße, so fühlt sich also ernsthafter Cut-Off-Druck an. Vor uns Geröllfelder. Natürlich. Wie sollen wir da Tempo machen? Ich bin doch nicht den ganzen verdammten Weg gekommen, um dann aus dem Rennen genommen zu werden! Zügig aber vorsichtig weiter. Irgendwann wieder Wald und Ebene. Den Teil kennen wir vom Hinweg. 17 Minuten noch. Kopf an Beine: performt. DNF steht heute nicht zu Debatte! Tempo. 10 Minuten noch. Ich hole andere Läufer ein. Überhole. Eine Norwegerin und ich starten zum Spurt. Matsch. Fluss. Downhill.

DNF.

Ist.

Keine.

Option!

4 Minuten vor Cut Off erreichen wir den Kontrollpunkt. Danke Beine. Ich bleibe im Rennen. Und muss mich der Frage stellen, wie ich den verdammten Tromsdalstinden hochkommen soll. Der Hinweg war steil, aber der Rückweg ist eine Wand. Eine verdammte, 1.100 Meter ansteigende Wand.

Kaum noch Läufer. Wieder Flussquerungen. Weit über 45% Steigung. Ich schließe zu den wenigen Läufern vor mir auf. Schneefelder. Und endlich DAS Schneefeld. Es ist steil und rutschig. Immer wieder rutsche ich auf der entstandenen Tritttreppe weg, Fäuste in den grob kristallisierten Schnee. Als ich endlich über die Gipfelkante komme, strahlt mir die Sonne ins Gesicht. Ich merke erst jetzt, dass ich sie seit Anfang dieses Höllenanstiegs nicht mehr gesehen habe. Eine Rotkreuzmitarbeiterin versorgt uns mit Trockenbeeren und Peanuts. „Are you ok?“ fragt sie besorgt, als ich mich setze. Klaro, bin ja jetzt oben. Aber der Ausblick muss kurz genossen werden.

Tromsø Skyrace - letzter Abstieg vom  Tromsdalstinden (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019
Tromsø Skyrace – letzter Abstieg vom Tromsdalstinden (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019

Was jetzt kommt, ist machbar. Rutschiger Abstieg. Geröllfeld. Nichts neues hier. Dann: flowige und leicht abschüssige Trails. Ich lasse die Beine laufen, es sind noch rund 15 km. Irgendwann kommen nochmal rund 300 Höhenmeter dazu. Easy. Technisch ist hier nichts mehr. Ich passiere einen auf seine Stöcke gestützten Läufer der sich übergibt. „Do you need anything? Do you have water?“ Die Standardfrage. Er winkt ab. „Keep on pushing.“

Ich sehe Tromsø. Zum greifen nah. Die Brücke. Die Kirche Ishavskatedralen. Als ich den ersten Schritt auf die laute, stinkige, nervige Brücke setze merke ich erst, wie sehr ich dieses Stück Stadt herbeigesehnt habe. Bisschen rauf, mehr runter, am Wasser entlang zum Ziel. Passanten klatschen. Letzte Kurve. Zielbogen. Verdammt viele Menschen dahinter. Die Beine laufen. Ich werde angekündigt.

Tromsø Skyrace - Finish
Tromsø Skyrace – Finish

Bam. Tromsø Skyrace 2019 ist geschafft. 58 km, etwas über 4.700 Höhenmeter, 12:42 h. Es ist das krasseste Rennen, das ich je erlebt habe. Technisch. Gefährlich. Fordernd. Definitiv nur für erfahrene LäuferInnen.

Wir hatten das Glück, bei strahlendem Sonnenschein zu laufen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie The Ridge ist, wenn der Fels feucht vom Nebel ist. Wie die Abstiege sind, wenn der Boden regennass und matschig ist.

Das Tromsø Skyrace sollte das Abenteuer 2019 für mich werden. Und genau das wurde es auch. Ich nehme eine Menge Erfahrungen mit nach Hause. Und Dankbarkeit, dass ich diesen Lauf gesund und innerhalb der für Hobbyläufer harten Cut Off Zeiten laufen konnte.

Trotz der perfekten Bedingungen haben 36% der 188 Starter aufgegeben oder wurden aus dem Rennen genommen.

Tromsø Skyrace - Höhenprofil (c) strava.com
Tromsø Skyrace – Höhenprofil (c) strava.com
Und so sah das bei den Profis aus

(Fotos (c) Tromsø Skyrace / Race Briefing 2019)

Hamperokken Skyrace 2019: der Showdown naht

Mallorca. Finka. Anfang Februar. Ich habe eine Verabredung mit dem Schicksal. Vor Monaten habe ich das erste Mal vom Hamperokken Skyrace in Tromsø, Norwegen, gehört. 57km lang, 4800 Höhenmeter.

Whaaaaat?!

Hillary Gerardi, winner 2018 (c)  Hamperokken Skyrace / David Gonthier
Hillary Gerardi, winner 2018 (c) Hamperokken Skyrace / David Gonthier

Diese Bilder. Diese Videos! Liebe auf den ersten Blick. Und Ehrfurcht. Viel davon. Ein Setting zwischen Lord of the Rings und Black Metal. Ein schmaler und umso steiler abfallender Grat. So furchteinflößend wie faszinierend. Die Geschichte konnte von Anfang an nur ein Ende nehmen – ich werde nach Norwegen fliegen und das Ding laufen. Und ich werde es finishen! Es wird mein größtes Abenteuer 2019.

Hindernisse? Seltsames Wort. Laut Duden ein „hindernder Umstand, Sachverhalt; Hemmnis, Schwierigkeit“ Ok, zu diesem Zeitpunkt war mein härtester Lauf der Heldentrail vom Südthüringentrail. Ordentliche Kante mit 65km und 2.500 Höhenmetern. Aber nicht alpin. Keine Absturzgefahr. Kein gnadenloser Grat. Und keine 4.800 Höhenmeter! Da hätten wir ein sehr ernsthaftes Hindernis. Wtf, wird ignoriert.

Mallorca. Die Anmeldung öffnet. Server in Norwegen und WLAN in der Finka sind lahm. 30 Minuten nach Öffnung dann die Bestätigung. Ich bin drin! Fuck – ich bin drin! Ich laufe das verdammte Hamperokken Skyrace! Totaler Flash! Doch was genau heißt das? Viel trainieren. Vorbereiten. Lange Läufe wie der Rennsteig Supermarathon. Höhenmeter sammeln, z. B. beim FichtelbergUltra. Alpine Erfahrung holen beim Zugspitz Ultratrail.

Jetzt sitze ich hier. Im flachen Berlin. Tapere. Übermorgen geht der Flieger. Ich habe das WE mit viel Rennrad- und CX-fahren verbracht. Knochen schonen aber Muskeln warmhalten. Jetzt komplett erholen. Ich schaue mir Videos an, lese berichte. Verdammt, worauf habe ich mich da eingelassen?

Es wird der Hammer. Es wird intensiv. Ich freue mich derbe. Dieser Lauf und ich – wir sind weiterhin füreinander gemacht. Hoffe ich. Körperlich bin gut vorbereitet. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber wie sieht es technisch aus? Es wird spannend.

Interessant übrigens, dass es von den Veranstaltern keine letzten Infos vor der Anreise gibt. Es gibt auch keine Pflichtausrüstung, die mitgebracht werden muss. Ganz anders als beim Zugspitz Ultratrail, wo es absolut sinnvoll ist und geprüft wird. Ganz anders als beim Maintal Ultratrail, wo es unnötig ist und trotzdem geprüft wird. Dabei ist es in dieser unwirtlichen Gegend ganz oben in Norwegen wirklich wichtig, das richtige Equipment dabei zu haben. Oder haben es die Norweger etwa geschafft, den gesunden Menschenverstand nicht nur zu fordern, sondern auch so zu triggern, dass die TeilnehmerInnen tatsächlich kluge Entscheidungen treffen? Wenn sie mal nicht bevormundet werden?

Es wird spannend. An allen Fronten und Enden.

Jetzt heißt es Daumen drücken, dass das Wetter gut wird. Im Regen macht es nicht nur wenig Spaß, sondern wird auch richtig, richtig gefährlich in den technischen Passagen.

Maintal Ultratrail 2019: Was ich von den Weinbergen gelernt habe

Was muss das für ein Lauf sein, dieser Maintal Ultratrail? DUV-Cup, German Trailrunning Cup, 1. Bayerische Trail-Meisterschaft über 30 km und 1. Unterfränkische Trail-Meisterschaft über 30 km. Letztes Jahr sogar DUV Deutsche Meisterschaft Ultratrail.

Maintal Ultratrail 2019 - herzlich Willkommen in Veichtshöchheim
Maintal Ultratrail 2019 – herzlich Willkommen in Veichtshöchheim

Liest sich wie das Trailrunning-Mekka mit Gefahr zum Überlaufensein. Als ich um 17:15 am Sportplatz im unterfränkischen Veichtshöchheim ankomme, sieht aber alles noch mehr nach Vorbereitung eines Fußballturniers der lokalen C-Jugend aus. Im Vereinshaus ist ebenfalls noch Hektik angesagt, während die ersten Läufer eintrudeln. Sehr menschlich, sehr sympathisch! Neben der Startnummer gibt es dann nur noch einen Flyer für 2020. That‘s it. Kein Beutel voller Werbung oder ähnlichem Mist. Shirts gibt es auch nur, wenn man sie bestellt hat oder vor Ort kaufen will. Dass die Dinger 20 Euro kosten sollen, ist allerdings „interessant“ kalkuliert. Pastaparty ist übrigens auch zum Selbstkostenpreis von 3,50 Euro pro Portion. Ebenfalls ungewohnt. Da fällt die Entscheidung nicht schwer, lieber gleich zur Pension zu gehen.

Maintal Ultratrail 2019 - sieht am Tag davor noch nicht nach großem Event aus
Maintal Ultratrail 2019 – sieht am Tag davor noch nicht nach großem Event aus

Nachts regnet es , morgens dann trocken aber bedeckt. „Der Boden steckt den Regen prima weg. Und wie ich die Gegend kenne, wird es heute auch nicht regnen,“ heißt es während des Race Briefings um 6:30 Uhr. Seltsam leer ist es. Das sah auf den Bildern von 2018 anders aus. Ein Blick auf die Finisher-Liste Stunden später zeigt: 102 Finisher auf der Ultra Distanz. Gemeldet waren auch nur 126. 2018 haben 258 LäuferInnen gefinished. Da hat die DUV Meisterschaft wohl ordentlich gezogen. Umso entspannter wird es dann wohl auf dem Track!

Maintal Ultratrail 2019 - entspanntes Eintrudeln statt Meisterschaftsgedränge
Maintal Ultratrail 2019 – entspanntes Eintrudeln statt Meisterschaftsgedränge

Das Höhenprofil hat es schon vorher angezeigt: Entspannt wird heute mal gar nichts. Es geht ständig auf und ab. Manchmal sogar richtig steil, man findet nie wirklich einen Flow. Und obwohl es kühl ist, ist die Luftfeuchtigkeit immens. Nach wenigen Kilometern bin ich komplett durchnässt – und ich schwitze nichtmal viel oder schnell.

Maintal Ultratrail 2019 - ein knackides, unruhiges Profil (c) strava.com
Maintal Ultratrail 2019 – ein knackides, unruhiges Profil (c) strava.com

Von wegen. Der Track ist überraschend technisch. Ständig wechselt der Untergrund, es gibt viele schmale Single Trails, viel Wald, ständige Anstiege. Spannend. Der erste Weinberg tut richtig gut. Endlich mal ein bisschen Weitblick und nen Kilometer einfach laufen lassen. Natürlich inklusive bergauf und bergab. Blick auf den Main, Häuser, Bundesstraße. Dann geht es gleich wieder in Wiesen, Hänge, Wälder. Dieses Spiel wiederholt sich beständig. Kommt man aus dem Wald, sieht man meistens den Main, ab und zu Felder, immer irgendwo Urbanisierung. Fühlt sich seltsam an: selten läuft man auf 64 Kilometern so viele Singletrails und so wenig Asphalt. Trotzdem weiß man immer, dass man sich nur schmal an der Zivilisation vorbeischlängelt. Weite Natur ist das nicht.

Maintal Ultratrail - die Wahrzeichen Main und Weinberge (c) mtut.de / A. Bleichner
Maintal Ultratrail – die Wahrzeichen Main und Weinberge (c) mtut.de / A. Bleichner

Die ersten 25 Kilometer laufen sich ganz gut weg. Die Beine merken die unruhige Belastung aber deutlich. Langsam wird es zäh. Alle 10 Kilometer kommt eine Verpflegungsstelle. Das reicht vollkommen. Trotzdem sind die Softflasks jedes Mal leer. Ich saufe wie ein Loch, kriege kaum feste Nahrung runter. Gut, dass es an VP 2 bis VP 5 genügend Gels gibt. Und freundliche Helfer. Die Leute sind wirklich der Hammer. Genau wie die Streckenbeschilderung. So sauber markierte Tracks wünscht man sich.

Ich laufe weiter. Weiter. Weiter. Irgendwann fällt mir das Wort ein, das diesen Lauf zusammenfasst: höhepunktsarm. Abwechslung gibt es genug. Technische Herausforderung auch. Top Markierungen. Tolle Werte mit 64 Kilometern und 1.700 Höhenmetern. Und trotzdem kommt keine wirkliche Freude auf. Es gibt keine Höhepunkte, keine Wow-Momente, keine „genau dafür mache ich das!“-Gedanken. Der graue Himmel passt dazu – auch wenn ab und zu die Sonne durchlugt oder eine Schauer runtergeht. Es läuft einfach immer nur weiter. Und das zunehmend schwerfälliger. Die Distanzen zwischen VP 5 und 6 und dem Ziel gehen runter auf 8 Kilometer. Kinderspiel? Ein Kinderspiel, das sich zieht.

Maintal Ultratrail - viele Trails, viel Wald, viel Abwechslung (c) mtut.de / A. Bleichner
Maintal Ultratrail – viele Trails, viel Wald, viel Abwechslung (c) mtut.de / A. Bleichner

Bevor der Rundkurs sich wieder für die letzten 1,5 Kilometer zum Ziel schließt, kommt ein heftiger Schauer runter. Hat er eventuell die letzten Markierungen weggewaschen? Mehrmals sind eine Läuferin und ich auf den letzten paar hundert verwinkelten Metern unsicher, wo es langgeht. In Veichtshöchheim angekommen sehen wir nichts mehr, fragen eine Passantin wo es zum Sportplatz geht. Sie weißt den Weg, wir stehen plötzlich im Nachzielbereich bei den schon gefinishten Läufern. Überraschte Blicke, wir laufen ein Mal um den Sportplatz und stoßen auf die reguläre Zielgerade. Ich bin mit meiner Zeit nicht wirklich zufrieden. Erklärungen sind einige im Kopf, aber das macht es nicht besser.

Finish. Erleichterung, dass die Mühe vorbei ist. Euphorie? Endorphine? Begeisterung? Leider nicht. An der Nachzielverpflegung drückt man mir gleich ein leckeres alkfreies Kapzuiner Weizen in die Hand. Dankeschön. Ansonsten ist es spartanisch: Etwas Obst, Butterstreuselkuchen, Salz-Cracker. Alles andere gibt es am Stand zu kaufen, den ich gestern schon ignoriert habe. Nach 10 Minuten Sachen holen, duschen, Heimweg. Ein nüchterner Schluss, der irgendwie zum Tag passt.

Die Zugfahrt nach einem Ultra ist für mich immer ein Highlight. Alles ist ruhig, zufrieden, glücklich. Heute fehlt die Euphorie. Dabei gibt es nichts, das den Veranstaltern vorgeworfen werden könnte: abwechslungsreicher geht es nicht. 99% der Strecke waren top markiert. Die Helfer waren Goldstücke. Ein toller Trail in einer schönen Gegend.

Learning für mich: Wenn ich schon 5h oder mehr für einen Trailrun anreise, möchte ich auch wirklich durch die Natur laufen. Natur. Nicht Gegend. Möglichst weit weg von der Zivilisation. Learning 2: Weinberge sind ja hübsch, aber so wirklich spannend finde ich sie nicht.

Werde ich nochmal beim MTUT starten? Ich glaube nicht. Würde ich ihn empfehlen: prinzipiell schon. Denn es steckt wirklich viel Trail drin, in diesem Trailrun, der so gar nicht überlaufen ist.

(Bilder 5 und 6 (c) mtut.de / Angela Bleichner)

Zugspitz Ultratrail 2019: dramatisch, episch, emotional

Der Zugspitz Ultratrail schreibt seine eigenen Geschichten. Zentral in der 9. Auflage: Unwetter, Absagen, Wut, Zusammenhalt, Hitze, Schweiß, Tränen, Stolz und endlose Freude.

ZUT Impressions 2019 (c) PLAN B / Kelvin Trautman
Das Scharnitzjoch fordert Tribut (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Es ist schwül, deutlich über 30 Grad, Unwetter ist angesagt und die Wolken hängen schwer. Nach rund 1.200 absolvierten Höhenmetern und anschließend über 25 Kilometern in der Ebene geht es schon wieder steil bergan. Ich habe noch nie so viele starke und erfahrene Läufer am Rande des Kollaps gesehen. Die meisten haben wohl in der Ebene überpaced. Es zieht sich, doch meine Taktik scheint aufzugehen: auf der Geraden Körner sparen, Anstiege sauber durchziehen, Abstiege entweder laufen lassen oder überleben, am Ende Tempo machen.

24h vorher: Es ist heiß in Grainau, während immer mehr Sportler über die Expo schlendern und kaufen, fachsimpeln, erzählen. Der ZUT ist ein großes Familientreffen. Ein Thema schwingt bei vielen mit: Für Samstag ist Gewitter angesagt. Und Gewitter in hochalpinen Bergen ist nicht zu vergleichen mit Regen im Mittelgebirge. Am Nachmittag schweigt der Buschfunk rum, dass die Distanzen Ultratrail (102,5 km) und Supertrail XL (82 km) abgesagt seien. Alle entsprechenden Teilnehmer*innen werden auf den Supertrail (64 km) gesetzt. Die Stimmung ist seltsam, die Hitze steht, die Schwüle wird schwerer. Es hängt was in der Luft – Emotion und Wetter. Das spürt jeder. Dann die offiziellen Nachrichten per Mail, SMS und Social Media. Die Gerüchte stimmen.

Race Briefing. Heute keine Vorabend-Party mit lokaler Peitscheneinlage zur Heimatmusik. Nach den obligatorischen Grußworten stehen die aktuellen Infos im Mittelpunkt. Ganz groß: Streckenchef Martin Hafenmair lädt alle Unzufriedenen ein: „Redet mit mir, diskutiert mit mir, beschimpft mich – das ist ok für mich. Aber den Mist in den sozialen Medien toleriere ich nicht.“ Lautester Beifall, 90% der Läufer*innen stehen hinter der Entscheidung. Nur ein paar Deppen verstehen es einfach nicht und pöbeln in den Netzwerken weiter.

Samstagmorgen. Der Start in Leutasch Weidach wird spannend. 1.500 Starter statt der eigentlichen 500. Aber: läuft. Taschenkontrolle läuft reibungslos, Aufstellung in zwei Startblöcken, Start von 10h auf 8h vorverlegt, die Stimmung ist gut, das Wetter noch hervorragend, aber auch schon ziemlich warm.

ZUT Impressions 2019 by Kelvin Trautman
Start in Leutasch Weidach (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Nach 4km, die vorne sehr zügig durchgezogen werden, geht es 800 Meter hoch zum Scharnitzjoch. Was ein Ausblick. Noch halten alle mit, es ist angenehm frisch oben. Sofort geht es wieder runter. Als erstes über ein rund 1 Kilometer langes Schneefeld. Viele laufen johlend mit langen Sprüngen durch die rutschig pappige Weiße, andere investieren Zeit, Nerven und viel Energie beim vorsichtigen Abwärtsrutschen. Beim folgenden Matschstück haut es mich frontal in die braune Suppe. Nichts passiert, eingesaut, weiter. Über die Schnee-Matsch-Kombination kommen ohnehin nicht viele ohne Bodenlandung.

ZUT Impressions 2019 by Markus Frühmann
Abstieg nach dem Scharnitzjoch (c) PLAN B / Markus Frühmann
ZUT Impressions 2019 by Markus Frühmann
Abstieg nach dem Scharnitzjoch (c) PLAN B / Markus Frühmann

Ich bin spontan verliebt in die folgenden Trails, die Ruhe, den Blick, die Luft. Trotzdem schreddert der Abstieg die Oberschenkel, bevor unten endlich die erste Verpflegungsstelle erreicht wird. Die Schwüle hat uns wieder. Es drückt. Wir sind längst klitschnass.

In der Ebene werde ich ungewohnt oft überholt. „Kontrolle. Bleib beim Plan!“ Die meisten werde ich bald schon wiedersehen. Nach den zähen Kilometern gerade aus geht es am Ferchensee und an Badegästen vorbei. Der Himmel zieht sich immer weiter zu. Mein Fehler: Ich glaube, dass auf dem langen Stück zwischen dem aktuellen VP 3 und VP 4 wie bisher Bäche oder Seen kommen werden und schiebe es auf, den Kopf ins Wasser zu halten. Leider bleibt es trocken. Kein Wasser mehr weit und breit. Über die Elmauer Alm geht nochmal steil bergab und gleich bergauf zur Partnnachalm. Kollektives Überhitzen. Der Anstieg macht die meist männlichen Läufer im vorderen Drittel fertig. Erleichterung erst bei VP 8. Wasser, Trinken, Essen.

Ab jetzt geht meine Rechnung voll auf: Vor den letzten 1200 Höhenmetern und dem finalen 1.300 HM Abstieg fühle ich mich frisch und runtergekühlt. Runners High. Gleichzeitig wird es finster am Himmel. Zeitgefühl ist längs weg. 14:00 sagt die Uhr. Wow, das Sub-10-Stunden-Ziel könnte erreicht werden. Hoffentlich hält das Wetter.

Es geht hoch. Hoch. Hoch. Die Grüppchen haben sich extrem ausgedünnt. Aus Forstwirtschaftswegen werden Trails und enge Serpentinen. Bis endlich, nach ewigem Aufstieg, die erste Höhe erreicht ist. Hier eine kleine Routen-Änderungen aufgrund der Schneelage und Wetteraussicht, so dass es über Schnee und Matsch zur Spitze geht, aber über die breiten Wege wieder hinunter. Tiefdunkler Himmel. Es ist kalt. Der Blick ins karge Hochgebirge ist überwältigend.

ZUT Impressions 2019 by Kelvin Trautman
Der letzte Gipfel – was für eine Kulisse! (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Bergab wieder das Mantra: „Bleib bei dir, bleib aufmerksam!“ Viele lose Steine am Boden. Es läuft sich schnell, die Stöcke bleiben am Start für Traktion und Kontrolle. Nach dem letzten VP dann ein extrem technischer Serpentinen-Trail ins Tal. Ich laufe komplett alleine und gebe Vollgas. Im unteren Drittel überhole ich diverse Basetrail XL Starter. Ein einzelner Läufer überholt mich trotzdem, wir springen recht leichtfüßig an einer verstörten Gruppe Trekking-Ausflügler vorbei, die fassungslos ruft: „Ihr seid doch verrückt!“ Wir antworten im Chor: „Danke!“ Ich verbuche das mal als Lob.

Nur noch wenige Minuten und der Trail endet in einer Straße. Die mündet in Grainau. Der Weg durchs Dorf. Abbiegen zum Musikpavillon. Dort das Ziel!

Ich bin fertig.

Glücklich. Geflasht. Geflutet von Emotionen und Endorphinen.

Die Leuchtschrift sagt 9:25h. Verdammt geile Zeit! Deutlich sub 10!

Der Zugspitz Ultratrail 2019 ist Geschichte.

5 Minuten nachdem ich im Ziel bin, setzt der Wolkenbruch ein. Zum Glück nur 15 Minuten lang.

Die folgenden Läufer sind nass aber glücklich. Sie kommen einzeln, in Gruppen, noch stundenlang. Der letzte Läufer erreicht nach 15:56:51 das Ziel. Es ist längst stockdunkel.

Höhenprofil des ZUT Supertrail 2019 (c) strava.com
Höhenprofil des ZUT Supertrail 2019 (c) strava.com

Hätte der ZUT 2019 trotz Unwetterwarnung wie ursprünglich geplant stattfinden können? Wahrscheinlich. Trotzdem war die getroffene Entscheidung 100% richtig. Noch nie habe ich so viele Läufer gesehen, die abbrechen mussten, weil Hitze, Schwüle und der anspruchsvolle Trail sie fertig gemacht haben. Auch ohne 102 und 82 Kilometer. Hut ab vor der Chuzpe der Organisatoren und der Flexibilität!

2020 wird der Zugspitz Ultratrail 10. Ich bin gespannt, welche Geschichte das Jubiläum schreiben wird. Klar ist: Ich werde dabei sein!

(Alle Fotos (c) PLAN B / Markus Frühmann & Kelvin Trautman)

FichtelbergUltra: toller take-it-or-leave-it-Lauf

1214m hoch, umgeben von Wald und Bergwiesen – der Fichtelberg hat eine mystische und wunderschöne Anziehungskraft. Mit 1214m Höhe weithin sichtbar, muss man sich den Blick aufs malerische Erzgebirge aber erst verdienen. Wie es sich für einen Berg gehört.

Genau das machen rund 100 Läufer bereits zum 6. Mal: 2019 startet der FichtelbergUltra mit Teilnehmerrekord wieder aus dem Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz.

Start am Wasserschloss Klaffenbach, 7h morgens
Start am Wasserschloss Klaffenbach, 7h morgens

55 Kilometer und 1.600 Höhenmeter gilt es zu machen, 3 Verpflegungspunkte unterstützen die Läufer. Genau diese Eckdaten haben mich gelockt, als ich von diesem Lauf hörte:

  • Überschaubare Distanz mit tollem Höhenprofil
  • Teilnehmer-Limit das eine familiäre Atmosphäre verspricht
  • 1 Lauf, keine Varianten, kein hier-findet-jeder-seinen-Lauf
  • keine Trailrun-Butterfahrt mit Catering alle 7 Kilometer

Ergo: Ein ehrlicher take-it-or-leave-it-Lauf.

Start vor dem Schloss / TN-Limit: 100
Start vor dem Schloss / TN-Limit: 100

Nach dem netten Race Briefing am Abend vorher im Schloss, startet der Lauf mit phänomenalem Wetter um 7h. Es soll heiß werden. Und schon nach den ersten 200 Höhenmeter und ersten Kilometern hat sich die Läuferschaft angenehm auseinander gezogen. Der Schweiß rinnt. Die erste VP kommt bei KM 17 – und ist tatsächlich plötzlich schon da.

Von Kilometer 12-25 finde ich total in meinen Lauf, Kopf aus, die Beine machen das schon. Der Lauf ist der Komplettkontrast zum Rennsteig Supermarathon vor 2 Wochen: Wenig Läufer, voller Fokus auf die Strecke, Flow, wenig Unterbrechungen.

Streckenprofil des FichtelbergUltra
Streckenprofil (c) FichtelbergUltra

Die Strecke zwischen VP 2 und 3 zieht sich etwas, danach geht es nur noch bergauf. Fast nur. Kurzzeitig steht ein Downhill-Teil an, der von querliegenden Bäumen unterbrochen ist. Veranstalter Ronald hat mehrfach darauf hingewiesen. Letztlich entpuppt der Teil sich als einer der schönsten der Strecke. Nach vielen tollen Waldwegen endlich ein Gefühl von Trail und querfeldein!

Trail-Gefühl beim FichelbergUltra
Trail-Gefühl downhill (c) FichelbergUltra

Beim finalen Anstieg machen sich die Stöcke bezahlt, die an VP 3 hinterlegt werden konnten und die vor allem die letzten 5 Kilometer steil bergauf zum Einsatz kommen. An der letzten Treppe zum Gipfel stehen erstmals applaudierende Zuschauer. Ein schöner Empfang, denn nach 55 Kilometern und einem darauf ausgerichteten Energie-Invest sind wir alle ziemlich am Ende, als endlich die Treppe auftaucht.

Die letzten Meter - hier noch ohne Publlikum
Die letzten Meter – hier noch ohne Publlikum (c) FichtelbergUltra

Oben dann der übliche Fichtelberg-Trubel: Wanderer, MTB-Fahrer, vereinzelte Rennrad-Fahrer, viele Motorräder – und der Zielbogen. Die Zeit wird von Hand gestoppt, die Urkunden von Hand geschrieben, der Kuchen ist selbstgebacken. Wie geil ist das denn? Kein Technik-Overkill, sondern Familienarbeit. Da erholt es sich im Sonnenschein auf der Terrasse direkt am Ziel gleich doppelt so gut.

Fun Fact am Rande: die gebührenpflichtige öffentliche Toilette ist extra für uns Läufer heute offen, damit nicht wie in den letzten Jahre mitten auf dem Parkplatz eine Umzieh-und-Dusch-Action für verstimmte Zuschauer sorgt. Ob die Touristen sich auf der plötzlich von halbnackten, stinkenden Läufern überfüllten Toilette jetzt wohler fühlten, ist noch nicht bekannt.

Fazit: Ziel war unter 6 Stunden zu bleiben, was mit 5:48h gut geklappt hat. Reicht für Platz 16. Ein toller Lauf, den man mal gelaufen sein sollte. Zählt ganz nebenbei auch für den DUV-Cup.

Hoffentlich bleiben sich die Veranstalter treu und belassen es bei der Teilnehmergrenze und dem familiären Ansatz. Mehr Tickets zu verkaufen, sollte in den nächsten Jahren kein Problem sein. Mit all den Folgen und Veränderungen würde sich das Flair aber deutlich ändern. Und das wäre sehr schade. Macht einfach weiter so wie bisher!

(Die letzten 3 Bilder (c) FichtelbergUltra)

GutsMuths-Rennsteiglauf: Besonders, Pflicht, fantastisch – und doch…

Der Rennsteiglauf ist anders. Der Rennsteiglauf ist besonders. Sehen wir uns beim Rennsteiglauf?

Für ambitionierte Hobby-Ultrarunner geht kein Weg am Klassiker vorbei. Der Supermarathon bringt 74km und 1.800 Höhenmeter auf die Uhr. Das ist ein Brett. Also hinmachen, laufen, Urteil bilden.

2019 findet der GutsMuths-Rennsteiglauf zum 47. Mal statt. Inklusive aller Distanzen gibt es rund 20.000 Anmeldungen, fast 2.000 Läufer/innen werden den langen Supermarathon beenden. Wow. Entsprechend erfahren und reibungslos ist die Organisation vor Ort inklusive Klos-Party am Abend zuvor in Eisenach. Thüringer sind halt so stolz auf ihre Klöße, dass es keine Pasta-Party gibt. Eine angenehme Abwechslung.

Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach
Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach

Übernachtung in der Schule. Beim Rennsteiglauf bedeutet Schule dann auch wirklich Schule. Die Klassenzimmer sind leergeräumt, man schläft auf dem Boden und hat deutlich mehr Ruhe, als in den sonst gerne genutzten Turnhallen. Der nächste Morgen beginnt früh, es ist mit 6 Grad recht frisch, aber trocken und wolkenlos. Schön, wenn der Wetterbericht recht hat, denn diese Aussicht noch zwei Wochen vorher möchte heute niemand haben:

2 Wochen vorher - Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf
2 Wochen vorher – Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf

Zügig losgelaufen, um aus dem Startpulk zu kommen, der sich nach rund 1km vorhersehbar an der ersten Rampe zusammendrückt. Es folgen 25km nahezu nur bergauf bis auf den Großen Inselsberg. Das frisst Körner, denn so weit vorne werden die oft sanften Anstiege natürlich gelaufen. Anfängerfehler. Trotzdem drauf reingefallen. In der zweiten Hälfte des Laufes wird es entsprechend sehr anstrengend. Und lang. 74Km sind halt 74km. Das dauert.

Profil des Rennsteig Supermarathons
Profil des Rennsteig Supermarathons

Nach 54km kommen wir zum Grenzadler. „Nur noch 21km. Mir reichts aber auch,“ ruft ein Mitläufer. Nach 54km klingen 21km nicht mehr so viel. Aber, fuck, es zieht sich. Und nach ein paar Wellen geht es nochmal hoch auf den Großen Beerberg. Schon wieder nicht wirklich steil, schon wieder die Frage: laufen oder gehen? Irgendwann, irgendwann, irgendwann werden die noch ausstehenden Kilometer einstellig, wir holen schrecklich nette Wanderer ein, es sind noch 5km, Schmiedefeld wird vom Skihang aus sichtbar, es geht ins Dorf – da! ein rotes Tor! Aber nein, das ist da halt mal so hingestellt, es ist aber nicht das Ziel. Das kommt erst 500m später. Natürlich nochmal einen Hügel hoch. Dann aber! Nach dem mit unglaublich vielen Menschen gesäumten Zieleinlauf ist der GutsMuths-Rennsteiglauf vorbei..

Und? Ist er anders?

Ja, er ist. Selbst im Wald stehen immer wieder Zuschauer und applaudieren. Teilweise trifft man die gleichen Zuschauer an mehreren Stellen, weil sie mitreisen. „Dich sehe ich heute zum 3. Mal. Weiter so!“ Da kann es einem schonmal warm ums Gemüt werden.

Und ja: Der berühmte Haferschleim ab VP3 ist eine sehr willkommene Alternative zum gewohnten Trail-Food und geht ziemlich gut runter. Auch wenn es seltsam ist, an jedem VP zugerufen zu bekommen: „Schleim! Schleim dahinten!“

Im Ziel dann nochmal umgeschaut. Wirkt wie Jahrmarkt, so groß, so zeltig, so bunt. Aber dass der Rennsteiglauf Volksfest-Charakter hat, weiß man ja. Im großen Festzelt ist nach dem Lauf schon kaum noch ein Platz frei. Wir verabschieden uns vor dem großen Regen und fahren zurück nach Berlin. Unterwegs die ersten Live-Bilder aus dem Zelt. Könnte auch Oktoberfest sein. Zumindest ein kleines. Das gehört wohl auch dazu. Kann man mögen, muss man aber nicht. Mir ist die Rückfahrt lieber.

74km später - das Ziel in Schmiedefeld
74km später – das Ziel in Schmiedefeld

Und nun? Fazit?

Tolle Organisation. Unglaubliche Zuschauer. Tolle Verpflegung. Leider keine Ausschilderung die ersten rund 15 Kilometer, aber da laufen genügend andere um einen herum, so dass man sich nicht verlaufen kann.

Mit 7:51:53 ist das Sub-8 Ziel erreicht. Beim nächsten Mal geht das sicherlich noch schneller, wenn mehr Hügel gegangen statt gelaufen werden.

Werde ich jetzt auch einer, die beim Zieleinlauf durchgesagt bekommen: „Er ist schon zum 37. Mal dabei!“ Eher nicht. Es gibt zwar nichts negatives über den Lauf zu sagen, aber so richtig finden wir trotzdem nicht zusammen. Es ist mir zu groß, zu volksfestig. Aber das ist ein rein persönliches Urteil. Wer große Laufveranstaltungen mag, wird kaum etwas besseres als den GutsMuths-Rennsteiglauf finden. Und ja: Auch ich werde wiederkommen. Aber nicht 37 Mal in Folge.

Und wer noch etwas Bildung in Sachen Namensgebung haben möchte: Der Name kommt von Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Man soll ja nicht dumm sterben müssen.

Eindrücke vom 47. GutsMuths-Rennsteiglauf

Auf dem E1 am Nordkap: Einsam, nass, wild, großartig

4 Tage lang sind wir schon unterwegs. Zelt, Schlafsack, Verpflegung in den Rucksäcken. Wir sind am Nordkap gestartet, den Europäischen Fernwanderweg E1 runter. Seit 4 Tagen regnet es. Alles ist nass. Selbst die Taschentücher in der Plastiktüte in der tiefsten Mitte des wasserdicht verpackten Rucksacks. Die ersten Flussdurchquerungen waren noch aufregende Ärgernisse, die ersten wadentiefen Moraste waren noch Grund zum Fluchen. Sie wurden normal. Nach Tag 1 ist die 4er-Gruppe um 1 Person geschrumpft. #4 ist nicht fit genug, bricht ab, so lange noch die einzige Straße hier oben erreichbar ist.

 „Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“
„Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“

Wilder, leerer, unwirtlicher als die weite Steppe am Nordkap wird es in Europa nicht. „Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“ Das Zitat vom 1. Tag im dichten Nebel hallt mental noch lange nach. Wenn der Regen mal aufhört, zeigt sich Nordnorwegen in seiner schönsten Pracht. Unberührte Natur. Traumhafte Weite. Wildlaufende Rentierherden – dann wieder stundenlang nicht mal ein Vogel. Auch kein Baum. Kein Pfad. Kein Vogel. Nichts.

Tag 4 endet nach weit über 30 Kilometern und nicht endendem Auf und Ab an einer Hütte, die laut Karte und Internet-Beschreibung existiert, in der Realität aber seit langem zum Klo für Tiere geworden ist. So weit so schlecht, denn ein Mitwanderer hat Schüttelfrost und Durchfall. Falsche Kleidung für die zwischenzeitlichen Schneefelder. Was heißt schon Hochsommer hier oben…

Hocchsommer am Nordkap - Version 1
Hocchsommer am Nordkap – Version 1

Tag 5 beginnt. Sonne. Blauer Himmel. Der Blick aus dem Zelt geht ins Paradies. Wir lagern auf einem Hügelrücken. Zur einen Seite Blick aufs Meer. Zur anderen in die schroffe Hügelwildnis. Endlich werden die Klamotten trocken. Der kranke Kollege zieht wieder Kraft. Wir schaffen es abends bis zu einer – existierenden – Hütte. Es geht natürlich durch Flüsse und wadentiefen Morast. Wir werden von Mücken zerstochen. Und doch: Was für ein Tag!

Hocchsommer am Nordkap - Version 2
Hocchsommer am Nordkap – Version 2

Was ich nicht weiß: Die beiden Mitwanderer beschäftigt ein Plan. Ein Not-Plan. Wir werden einen Tagesmarsch nach der Hütte an der einzigen Siedlung der Tour ankommen: Olderfjord. Dort wartet nicht nur ein echtes Bett aus uns – dort gibt es auch eine Bushaltestelle. Während wir, noch immer bei strahlendem Sonnenschein, loswandern, rücken sie mit der Sprache raus: „Wir sind bei Olderfjord raus. Das ist einfach zu krass. Wir nehmen den Bus nach Alta. Sorry.“ In Alta geht unser Rückflug in einer Woche.

Bäm.

Ich will nicht abbrechen. Das hier ist eines der tollsten Abenteuer meines Lebens. Ich will mich nicht geschlagen geben. Ich will nicht aufgeben.

Ich denke nach.

Es kommt, wie es kommen muss. Ich beschließe, alleine weiter zu gehen. Die Beiden kennen mich gut genug, um nicht zu diskutieren. „Alleine durch die Wildnis? Was ist, wenn du in einem Fluss umknickst, das Bein brichst? Dann bist du im Arsch!“ Sie wissen was ich sagen würde: „Ich weiß.“ Also geben sie mir ihren Kocher. Der ist besser als meiner. Drücken mir 2 weitere Rationen in die Hand. Ich werde mich täglich per SMS melden, wenn das Netz es zulässt.

Ich gehe weiter. Verlasse das bisschen Zivilisation, das Olderfjord bietet. Es regnet wieder. Vor mir liegt 1 Woche alleine im Niemandsland. Keine Menschen, Straßen, Bäume, Tiere. Es wird ein Abenteuer. Es wird intensiv. Es wird nass. So nass , wie ich es noch bei keiner Wanderung erlebt habe.

Alleine im Nirgendwo am Nordkap
Alleine im Nirgendwo am Nordkap

Alleine dort oben – das macht etwas mit dir. Wenn du nicht mit dir im Reinen bist, wenn du nicht alleine sein kannst, wenn du nicht im Moment bist, solltest du nicht dort sein.

Das alles ist drei Jahre her. Ich denke oft daran, werde die Route irgendwann fortsetzen. Wie lang und wie weit ist nicht wichtig. Schon jetzt graut es mir vor dem Regen, dem Morast, den Flussdurchquerungen. Und doch: Ich will! Ich werde!

Bleilochlauf 2019 – Perfekter Saison Kickoff

Komischer Name: Bleilochlauf. „Was soll‘n das heißen?“ hört man immer wieder beim Fachgesimpel anderer Läufer. Sein Ruf eilt dem eher kleinen aber sehr feinen Lauf voraus. Also 2019 zum Saison Kickoff gemacht und ausprobiert. Goldrichtige Entscheidung!

Mit Bahn und Bus nach Saalburg zu kommen, ist die erste Herausfoderung. ICE, Regionalzug, 2x Bus. Personen im Gleis, ICE zu spät, Regionalzug wartet natürlich nicht die nötigen 3 Minuten, Busse fahren nur alle 2 Stunden. Immerhin: Bis Schleiz komme ich irgendwann. Auch ganz schön das Städtchen inklusive ehemaligem Bahnhof, ehemaligem Schloss und noch offener Bäckerei. Nur kalt ist es geworden. Berlin: 26 Grad beim Start. Schleiz 12 Grad beim Ausstieg aus Bus 1.

Bleilochstausee und Saale - eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Bleilochstausee und Saale – eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Endlich mit dem letzten Bus in Saalburg angekommen. Es regnet. Bett im SEZ Kloster reserviert. Etagenbetten. Lange nicht mehr gehabt. Hunger? Es gibt eine Art Pommesbude mit Currywurst am angrenzenden Campingplatz. Danke nein, Vorräte wegmachen und nicht in die nasse Kälte gehen klingt besser.

SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de
SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de

Der Morgen des Starts: Trocken, kühl, Startzeit: humane 9 Uhr. Und was für ein Lauf, der da folgt! Vorne laufen wir die ersten rund 1,5 Asphaltkilometer mit einem 4:30er Pace – wohlwissend, dass noch gute 46km folgen. Und die sind viel auf Wald- und Forstwirtschaftswegen. Sehr angenehm, schöne Gegend, keine Autos. Richtig großartig wird es aber, wenn die Trails kommen. Teilweise zu schmal zum überholen, bei Kilometer 18 sogar mit Adrenalinfaktor, da es links schroff runter geht und der Sturz irgendwann in der Saale enden würde. Dazu die Burgk (sic) im Hintergrund. Was ein Panorama.

Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Die Strecke bleibt abwechslungsreich und wird im letzten Drittel nochmal richtig wurzelig. Obwohl die meisten Körner schon verbraucht sind, ist hier Konzentration gefordert. Generell fällt auf, dass im ersten Läuferdrittel kaum Pausen an den VP gemacht werden. 48 Kilometer sind halt eine Ansage, aber auch nicht die längste Distanz. Die fehlenden Pausen merkt der Körper zum Ende hin – aber was soll‘s? War ja selbst gewählt.

Im Ziel dann vegetarische Pasta, hervorragender Kuchen, supernette Helfer – und unfassbare Zeiten bei der Siegerehrung. 3:23h hat der Schnellste für 48 Trail-Kilometer und 800 Höhenmeter gebraucht. Unfuckingfassbar! Ich bin mit 4:23h auch mehr als zufrieden. Darauf nochmal Kuchen und alkoholfreies Bier holen.

Kaputt, glücklich und frisch geduscht dann Richtung Heimfahrt-Odyssee. Ein lokales Paar nimmt mich netterweise nach Bad Lobenstein mit, von wo aus es noch 2x Regionalzug und 1x ICE bis nach Hause sind. So immerhin kein Bus. Dem traue ich nicht so ganz. Und das Internet auch nicht. Das ignoriert die Verbindung nämlich. Während der 1. Regionalzug durch die Landschaft mäandert, zieht der Kopf Bilanz, warum es eigentlich so großartig war:

  • Superschöne Strecke – vor allem die Trails
  • Liebevolle und hochprofessionelle Orga
  • Kein Sponsoring-Wahn, sondern Überzeugungsarbeit und Hingabe
  • Überall vegetarisches und veganes Essen – da sollten sich andere Läufe mal ein paar Scheiben von abschneiden

Zwei kleine Anekdoten am Ende:
1) Einwegbecher sollten der Umwelt zuliebe abgeschafft werden, doch die Lieferung der Faltbecher kommt nicht rechtzeitig. Es bricht den Organisatoren fast das Herz. Kein wirkliches Problem, aber es zeigt, wie sehr hier Gewissen und Herzblut mit-organisieren.
2) Am ersten VP mit Snacks bedanke ich mich bei den Helfern. Was kriege ich zurück? „Danke, dass ihr hier lauft! Wenn niemand käme, ständen wir die nächsten Stunden ziemlich doof hier rum mit all dem Essen.“ Eigentlich nur ein lustiger Spruch, der imho aber Bände spricht über das Selbstverständnis der Organisatoren und Helfer.

Hut ab Bleilocklauf!

Und damit niemand dumm sterben muss: Der Lauf geht um den Bleilochchstausee. Der wiederum heißt so weil: „Sperre und Stausee sind nach den Bleilöchern benannt, die sich vor der Anstauung dort befanden und in denen Blei abgebaut wurde.“ (s. Wikipedia)

(PS: Die große Bildergalerie bleibt aus, da ich lieber laufe als Bilder mache. Alle Landschaftsbilder oben stammen von www.bleilochlauf.de.)

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