No Comfort Zone

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FichtelbergUltra: toller take-it-or-leave-it-Lauf

1214m hoch, umgeben von Wald und Bergwiesen – der Fichtelberg hat eine mystische und wunderschöne Anziehungskraft. Mit 1214m Höhe weithin sichtbar, muss man sich den Blick aufs malerische Erzgebirge aber erst verdienen. Wie es sich für einen Berg gehört.

Genau das machen rund 100 Läufer bereits zum 6. Mal: 2019 startet der FichtelbergUltra mit Teilnehmerrekord wieder aus dem Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz.

Start am Wasserschloss Klaffenbach, 7h morgens
Start am Wasserschloss Klaffenbach, 7h morgens

55 Kilometer und 1.600 Höhenmeter gilt es zu machen, 3 Verpflegungspunkte unterstützen die Läufer. Genau diese Eckdaten haben mich gelockt, als ich von diesem Lauf hörte:

  • Überschaubare Distanz mit tollem Höhenprofil
  • Teilnehmer-Limit das eine familiäre Atmosphäre verspricht
  • 1 Lauf, keine Varianten, kein hier-findet-jeder-seinen-Lauf
  • keine Trailrun-Butterfahrt mit Catering alle 7 Kilometer

Ergo: Ein ehrlicher take-it-or-leave-it-Lauf.

Start vor dem Schloss / TN-Limit: 100
Start vor dem Schloss / TN-Limit: 100

Nach dem netten Race Briefing am Abend vorher im Schloss, startet der Lauf mit phänomenalem Wetter um 7h. Es soll heiß werden. Und schon nach den ersten 200 Höhenmeter und ersten Kilometern hat sich die Läuferschaft angenehm auseinander gezogen. Der Schweiß rinnt. Die erste VP kommt bei KM 17 – und ist tatsächlich plötzlich schon da.

Von Kilometer 12-25 finde ich total in meinen Lauf, Kopf aus, die Beine machen das schon. Der Lauf ist der Komplettkontrast zum Rennsteig Supermarathon vor 2 Wochen: Wenig Läufer, voller Fokus auf die Strecke, Flow, wenig Unterbrechungen.

Streckenprofil des FichtelbergUltra
Streckenprofil (c) FichtelbergUltra

Die Strecke zwischen VP 2 und 3 zieht sich etwas, danach geht es nur noch bergauf. Fast nur. Kurzzeitig steht ein Downhill-Teil an, der von querliegenden Bäumen unterbrochen ist. Veranstalter Ronald hat mehrfach darauf hingewiesen. Letztlich entpuppt der Teil sich als einer der schönsten der Strecke. Nach vielen tollen Waldwegen endlich ein Gefühl von Trail und querfeldein!

Trail-Gefühl beim FichelbergUltra
Trail-Gefühl downhill (c) FichelbergUltra

Beim finalen Anstieg machen sich die Stöcke bezahlt, die an VP 3 hinterlegt werden konnten und die vor allem die letzten 5 Kilometer steil bergauf zum Einsatz kommen. An der letzten Treppe zum Gipfel stehen erstmals applaudierende Zuschauer. Ein schöner Empfang, denn nach 55 Kilometern und einem darauf ausgerichteten Energie-Invest sind wir alle ziemlich am Ende, als endlich die Treppe auftaucht.

Die letzten Meter - hier noch ohne Publlikum
Die letzten Meter – hier noch ohne Publlikum (c) FichtelbergUltra

Oben dann der übliche Fichtelberg-Trubel: Wanderer, MTB-Fahrer, vereinzelte Rennrad-Fahrer, viele Motorräder – und der Zielbogen. Die Zeit wird von Hand gestoppt, die Urkunden von Hand geschrieben, der Kuchen ist selbstgebacken. Wie geil ist das denn? Kein Technik-Overkill, sondern Familienarbeit. Da erholt es sich im Sonnenschein auf der Terrasse direkt am Ziel gleich doppelt so gut.

Fun Fact am Rande: die gebührenpflichtige öffentliche Toilette ist extra für uns Läufer heute offen, damit nicht wie in den letzten Jahre mitten auf dem Parkplatz eine Umzieh-und-Dusch-Action für verstimmte Zuschauer sorgt. Ob die Touristen sich auf der plötzlich von halbnackten, stinkenden Läufern überfüllten Toilette jetzt wohler fühlten, ist noch nicht bekannt.

Fazit: Ziel war unter 6 Stunden zu bleiben, was mit 5:48h gut geklappt hat. Reicht für Platz 16. Ein toller Lauf, den man mal gelaufen sein sollte. Zählt ganz nebenbei auch für den DUV-Cup.

Hoffentlich bleiben sich die Veranstalter treu und belassen es bei der Teilnehmergrenze und dem familiären Ansatz. Mehr Tickets zu verkaufen, sollte in den nächsten Jahren kein Problem sein. Mit all den Folgen und Veränderungen würde sich das Flair aber deutlich ändern. Und das wäre sehr schade. Macht einfach weiter so wie bisher!

(Die letzten 3 Bilder (c) FichtelbergUltra)

GutsMuths-Rennsteiglauf: Besonders, Pflicht, fantastisch – und doch…

Der Rennsteiglauf ist anders. Der Rennsteiglauf ist besonders. Sehen wir uns beim Rennsteiglauf?

Für ambitionierte Hobby-Ultrarunner geht kein Weg am Klassiker vorbei. Der Supermarathon bringt 74km und 1.800 Höhenmeter auf die Uhr. Das ist ein Brett. Also hinmachen, laufen, Urteil bilden.

2019 findet der GutsMuths-Rennsteiglauf zum 47. Mal statt. Inklusive aller Distanzen gibt es rund 20.000 Anmeldungen, fast 2.000 Läufer/innen werden den langen Supermarathon beenden. Wow. Entsprechend erfahren und reibungslos ist die Organisation vor Ort inklusive Klos-Party am Abend zuvor in Eisenach. Thüringer sind halt so stolz auf ihre Klöße, dass es keine Pasta-Party gibt. Eine angenehme Abwechslung.

Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach
Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach

Übernachtung in der Schule. Beim Rennsteiglauf bedeutet Schule dann auch wirklich Schule. Die Klassenzimmer sind leergeräumt, man schläft auf dem Boden und hat deutlich mehr Ruhe, als in den sonst gerne genutzten Turnhallen. Der nächste Morgen beginnt früh, es ist mit 6 Grad recht frisch, aber trocken und wolkenlos. Schön, wenn der Wetterbericht recht hat, denn diese Aussicht noch zwei Wochen vorher möchte heute niemand haben:

2 Wochen vorher - Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf
2 Wochen vorher – Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf

Zügig losgelaufen, um aus dem Startpulk zu kommen, der sich nach rund 1km vorhersehbar an der ersten Rampe zusammendrückt. Es folgen 25km nahezu nur bergauf bis auf den Großen Inselsberg. Das frisst Körner, denn so weit vorne werden die oft sanften Anstiege natürlich gelaufen. Anfängerfehler. Trotzdem drauf reingefallen. In der zweiten Hälfte des Laufes wird es entsprechend sehr anstrengend. Und lang. 74Km sind halt 74km. Das dauert.

Profil des Rennsteig Supermarathons
Profil des Rennsteig Supermarathons

Nach 54km kommen wir zum Grenzadler. „Nur noch 21km. Mir reichts aber auch,“ ruft ein Mitläufer. Nach 54km klingen 21km nicht mehr so viel. Aber, fuck, es zieht sich. Und nach ein paar Wellen geht es nochmal hoch auf den Großen Beerberg. Schon wieder nicht wirklich steil, schon wieder die Frage: laufen oder gehen? Irgendwann, irgendwann, irgendwann werden die noch ausstehenden Kilometer einstellig, wir holen schrecklich nette Wanderer ein, es sind noch 5km, Schmiedefeld wird vom Skihang aus sichtbar, es geht ins Dorf – da! ein rotes Tor! Aber nein, das ist da halt mal so hingestellt, es ist aber nicht das Ziel. Das kommt erst 500m später. Natürlich nochmal einen Hügel hoch. Dann aber! Nach dem mit unglaublich vielen Menschen gesäumten Zieleinlauf ist der GutsMuths-Rennsteiglauf vorbei..

Und? Ist er anders?

Ja, er ist. Selbst im Wald stehen immer wieder Zuschauer und applaudieren. Teilweise trifft man die gleichen Zuschauer an mehreren Stellen, weil sie mitreisen. „Dich sehe ich heute zum 3. Mal. Weiter so!“ Da kann es einem schonmal warm ums Gemüt werden.

Und ja: Der berühmte Haferschleim ab VP3 ist eine sehr willkommene Alternative zum gewohnten Trail-Food und geht ziemlich gut runter. Auch wenn es seltsam ist, an jedem VP zugerufen zu bekommen: „Schleim! Schleim dahinten!“

Im Ziel dann nochmal umgeschaut. Wirkt wie Jahrmarkt, so groß, so zeltig, so bunt. Aber dass der Rennsteiglauf Volksfest-Charakter hat, weiß man ja. Im großen Festzelt ist nach dem Lauf schon kaum noch ein Platz frei. Wir verabschieden uns vor dem großen Regen und fahren zurück nach Berlin. Unterwegs die ersten Live-Bilder aus dem Zelt. Könnte auch Oktoberfest sein. Zumindest ein kleines. Das gehört wohl auch dazu. Kann man mögen, muss man aber nicht. Mir ist die Rückfahrt lieber.

74km später - das Ziel in Schmiedefeld
74km später – das Ziel in Schmiedefeld

Und nun? Fazit?

Tolle Organisation. Unglaubliche Zuschauer. Tolle Verpflegung. Leider keine Ausschilderung die ersten rund 15 Kilometer, aber da laufen genügend andere um einen herum, so dass man sich nicht verlaufen kann.

Mit 7:51:53 ist das Sub-8 Ziel erreicht. Beim nächsten Mal geht das sicherlich noch schneller, wenn mehr Hügel gegangen statt gelaufen werden.

Werde ich jetzt auch einer, die beim Zieleinlauf durchgesagt bekommen: „Er ist schon zum 37. Mal dabei!“ Eher nicht. Es gibt zwar nichts negatives über den Lauf zu sagen, aber so richtig finden wir trotzdem nicht zusammen. Es ist mir zu groß, zu volksfestig. Aber das ist ein rein persönliches Urteil. Wer große Laufveranstaltungen mag, wird kaum etwas besseres als den GutsMuths-Rennsteiglauf finden. Und ja: Auch ich werde wiederkommen. Aber nicht 37 Mal in Folge.

Und wer noch etwas Bildung in Sachen Namensgebung haben möchte: Der Name kommt von Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Man soll ja nicht dumm sterben müssen.

Eindrücke vom 47. GutsMuths-Rennsteiglauf

Auf dem E1 am Nordkap: Einsam, nass, wild, großartig

4 Tage lang sind wir schon unterwegs. Zelt, Schlafsack, Verpflegung in den Rucksäcken. Wir sind am Nordkap gestartet, den Europäischen Fernwanderweg E1 runter. Seit 4 Tagen regnet es. Alles ist nass. Selbst die Taschentücher in der Plastiktüte in der tiefsten Mitte des wasserdicht verpackten Rucksacks. Die ersten Flussdurchquerungen waren noch aufregende Ärgernisse, die ersten wadentiefen Moraste waren noch Grund zum Fluchen. Sie wurden normal. Nach Tag 1 ist die 4er-Gruppe um 1 Person geschrumpft. #4 ist nicht fit genug, bricht ab, so lange noch die einzige Straße hier oben erreichbar ist.

 „Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“
„Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“

Wilder, leerer, unwirtlicher als die weite Steppe am Nordkap wird es in Europa nicht. „Wahnsinnig schön hier. Glaube ich. Ich sehe halt nichts.“ Das Zitat vom 1. Tag im dichten Nebel hallt mental noch lange nach. Wenn der Regen mal aufhört, zeigt sich Nordnorwegen in seiner schönsten Pracht. Unberührte Natur. Traumhafte Weite. Wildlaufende Rentierherden – dann wieder stundenlang nicht mal ein Vogel. Auch kein Baum. Kein Pfad. Kein Vogel. Nichts.

Tag 4 endet nach weit über 30 Kilometern und nicht endendem Auf und Ab an einer Hütte, die laut Karte und Internet-Beschreibung existiert, in der Realität aber seit langem zum Klo für Tiere geworden ist. So weit so schlecht, denn ein Mitwanderer hat Schüttelfrost und Durchfall. Falsche Kleidung für die zwischenzeitlichen Schneefelder. Was heißt schon Hochsommer hier oben…

Hocchsommer am Nordkap - Version 1
Hocchsommer am Nordkap – Version 1

Tag 5 beginnt. Sonne. Blauer Himmel. Der Blick aus dem Zelt geht ins Paradies. Wir lagern auf einem Hügelrücken. Zur einen Seite Blick aufs Meer. Zur anderen in die schroffe Hügelwildnis. Endlich werden die Klamotten trocken. Der kranke Kollege zieht wieder Kraft. Wir schaffen es abends bis zu einer – existierenden – Hütte. Es geht natürlich durch Flüsse und wadentiefen Morast. Wir werden von Mücken zerstochen. Und doch: Was für ein Tag!

Hocchsommer am Nordkap - Version 2
Hocchsommer am Nordkap – Version 2

Was ich nicht weiß: Die beiden Mitwanderer beschäftigt ein Plan. Ein Not-Plan. Wir werden einen Tagesmarsch nach der Hütte an der einzigen Siedlung der Tour ankommen: Olderfjord. Dort wartet nicht nur ein echtes Bett aus uns – dort gibt es auch eine Bushaltestelle. Während wir, noch immer bei strahlendem Sonnenschein, loswandern, rücken sie mit der Sprache raus: „Wir sind bei Olderfjord raus. Das ist einfach zu krass. Wir nehmen den Bus nach Alta. Sorry.“ In Alta geht unser Rückflug in einer Woche.

Bäm.

Ich will nicht abbrechen. Das hier ist eines der tollsten Abenteuer meines Lebens. Ich will mich nicht geschlagen geben. Ich will nicht aufgeben.

Ich denke nach.

Es kommt, wie es kommen muss. Ich beschließe, alleine weiter zu gehen. Die Beiden kennen mich gut genug, um nicht zu diskutieren. „Alleine durch die Wildnis? Was ist, wenn du in einem Fluss umknickst, das Bein brichst? Dann bist du im Arsch!“ Sie wissen was ich sagen würde: „Ich weiß.“ Also geben sie mir ihren Kocher. Der ist besser als meiner. Drücken mir 2 weitere Rationen in die Hand. Ich werde mich täglich per SMS melden, wenn das Netz es zulässt.

Ich gehe weiter. Verlasse das bisschen Zivilisation, das Olderfjord bietet. Es regnet wieder. Vor mir liegt 1 Woche alleine im Niemandsland. Keine Menschen, Straßen, Bäume, Tiere. Es wird ein Abenteuer. Es wird intensiv. Es wird nass. So nass , wie ich es noch bei keiner Wanderung erlebt habe.

Alleine im Nirgendwo am Nordkap
Alleine im Nirgendwo am Nordkap

Alleine dort oben – das macht etwas mit dir. Wenn du nicht mit dir im Reinen bist, wenn du nicht alleine sein kannst, wenn du nicht im Moment bist, solltest du nicht dort sein.

Das alles ist drei Jahre her. Ich denke oft daran, werde die Route irgendwann fortsetzen. Wie lang und wie weit ist nicht wichtig. Schon jetzt graut es mir vor dem Regen, dem Morast, den Flussdurchquerungen. Und doch: Ich will! Ich werde!

Bleilochlauf 2019 – Perfekter Saison Kickoff

Komischer Name: Bleilochlauf. „Was soll‘n das heißen?“ hört man immer wieder beim Fachgesimpel anderer Läufer. Sein Ruf eilt dem eher kleinen aber sehr feinen Lauf voraus. Also 2019 zum Saison Kickoff gemacht und ausprobiert. Goldrichtige Entscheidung!

Mit Bahn und Bus nach Saalburg zu kommen, ist die erste Herausfoderung. ICE, Regionalzug, 2x Bus. Personen im Gleis, ICE zu spät, Regionalzug wartet natürlich nicht die nötigen 3 Minuten, Busse fahren nur alle 2 Stunden. Immerhin: Bis Schleiz komme ich irgendwann. Auch ganz schön das Städtchen inklusive ehemaligem Bahnhof, ehemaligem Schloss und noch offener Bäckerei. Nur kalt ist es geworden. Berlin: 26 Grad beim Start. Schleiz 12 Grad beim Ausstieg aus Bus 1.

Bleilochstausee und Saale - eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Bleilochstausee und Saale – eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Endlich mit dem letzten Bus in Saalburg angekommen. Es regnet. Bett im SEZ Kloster reserviert. Etagenbetten. Lange nicht mehr gehabt. Hunger? Es gibt eine Art Pommesbude mit Currywurst am angrenzenden Campingplatz. Danke nein, Vorräte wegmachen und nicht in die nasse Kälte gehen klingt besser.

SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de
SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de

Der Morgen des Starts: Trocken, kühl, Startzeit: humane 9 Uhr. Und was für ein Lauf, der da folgt! Vorne laufen wir die ersten rund 1,5 Asphaltkilometer mit einem 4:30er Pace – wohlwissend, dass noch gute 46km folgen. Und die sind viel auf Wald- und Forstwirtschaftswegen. Sehr angenehm, schöne Gegend, keine Autos. Richtig großartig wird es aber, wenn die Trails kommen. Teilweise zu schmal zum überholen, bei Kilometer 18 sogar mit Adrenalinfaktor, da es links schroff runter geht und der Sturz irgendwann in der Saale enden würde. Dazu die Burgk (sic) im Hintergrund. Was ein Panorama.

Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Die Strecke bleibt abwechslungsreich und wird im letzten Drittel nochmal richtig wurzelig. Obwohl die meisten Körner schon verbraucht sind, ist hier Konzentration gefordert. Generell fällt auf, dass im ersten Läuferdrittel kaum Pausen an den VP gemacht werden. 48 Kilometer sind halt eine Ansage, aber auch nicht die längste Distanz. Die fehlenden Pausen merkt der Körper zum Ende hin – aber was soll‘s? War ja selbst gewählt.

Im Ziel dann vegetarische Pasta, hervorragender Kuchen, supernette Helfer – und unfassbare Zeiten bei der Siegerehrung. 3:23h hat der Schnellste für 48 Trail-Kilometer und 800 Höhenmeter gebraucht. Unfuckingfassbar! Ich bin mit 4:23h auch mehr als zufrieden. Darauf nochmal Kuchen und alkoholfreies Bier holen.

Kaputt, glücklich und frisch geduscht dann Richtung Heimfahrt-Odyssee. Ein lokales Paar nimmt mich netterweise nach Bad Lobenstein mit, von wo aus es noch 2x Regionalzug und 1x ICE bis nach Hause sind. So immerhin kein Bus. Dem traue ich nicht so ganz. Und das Internet auch nicht. Das ignoriert die Verbindung nämlich. Während der 1. Regionalzug durch die Landschaft mäandert, zieht der Kopf Bilanz, warum es eigentlich so großartig war:

  • Superschöne Strecke – vor allem die Trails
  • Liebevolle und hochprofessionelle Orga
  • Kein Sponsoring-Wahn, sondern Überzeugungsarbeit und Hingabe
  • Überall vegetarisches und veganes Essen – da sollten sich andere Läufe mal ein paar Scheiben von abschneiden

Zwei kleine Anekdoten am Ende:
1) Einwegbecher sollten der Umwelt zuliebe abgeschafft werden, doch die Lieferung der Faltbecher kommt nicht rechtzeitig. Es bricht den Organisatoren fast das Herz. Kein wirkliches Problem, aber es zeigt, wie sehr hier Gewissen und Herzblut mit-organisieren.
2) Am ersten VP mit Snacks bedanke ich mich bei den Helfern. Was kriege ich zurück? „Danke, dass ihr hier lauft! Wenn niemand käme, ständen wir die nächsten Stunden ziemlich doof hier rum mit all dem Essen.“ Eigentlich nur ein lustiger Spruch, der imho aber Bände spricht über das Selbstverständnis der Organisatoren und Helfer.

Hut ab Bleilocklauf!

Und damit niemand dumm sterben muss: Der Lauf geht um den Bleilochchstausee. Der wiederum heißt so weil: „Sperre und Stausee sind nach den Bleilöchern benannt, die sich vor der Anstauung dort befanden und in denen Blei abgebaut wurde.“ (s. Wikipedia)

(PS: Die große Bildergalerie bleibt aus, da ich lieber laufe als Bilder mache. Alle Landschaftsbilder oben stammen von www.bleilochlauf.de.)

Herkulesweg und Werra-Burgen-Steig: von Heilbad Heiligenstadt nach Eisenach

So viel Qualität muss ein Qualitätswanderweg erstmal bringen: Traumhafte Landschaft, (innerdeutsche) Geschichte, top Ausschilderung und absolutes Traumwetter über Ostern 2019 – der Ausflug von Heilbad Heiligenstadt nach Eisenach über ein kurzes Stück Herkulesweg und längeres vom Werra-Burgen-Steig ist ein Gedicht. Wenn auch ein anstrengendes. 3 Tage jeweils über 30km und insgesamt 2.700 Höhenmeter. Da fließt beim frühen Sommerwetter schonmal Schweiß.

Schönste Hügellandschaft – der Werra-Burgen-Steig

Die Gegend ist von vielen Wanderwegen durchzogen, so dass viele Alternativen denk- und wanderbar sind. Sobald die großen Wege verlassen werden, sollte man allerdings mit Karte und Kompass zurecht kommen. Dann sind Wegzeichen nämlich selten. Gänzlich verlassen ist übrigens, wer dem Pilgerweg mit der Jakobsmuschel folgen will. Die Ausschilderung taucht immer wieder auf, fehlt aber vor allem an schwer zu interpretierenden Abzweigungen dann meist wieder. Da hat jemand mitgedacht. Nicht.

Geschichtlich gibt es dem Namen entsprechend viel historisches, was einen Aufenthalt in den Dörfern und Kleinstädten lohnenswert macht. Burgen, Ruinen, Fachwerk wann immer einem danach ist. Wer Kilometer gut machen will, geht weiter und wird mit schönster Landschaft belohnt, in der trotz Feiertag und Kaiserwetter nahezu niemand unterwegs ist. Nur am dritten Tag kreuzen 2x 2 Wanderer in der Nähe von Kreuzburg den Weg. Und die Geschichte kommt trotzdem nicht zu kurz, da das Grüne Band – also die Gegend der ehemaligen innerdeutschen Grenze – ebenfalls sehr geschichtsträchtig ist. Ein Weg der etwas anderen Art sind entsprechend die kilometerlangen Panzerplatten der ehemaligen DDR-Grenzpatroullien. Auf einem kleinen Höhenzug gelegen, geben sie der ungewohnten Mittagshitze eine fast unheimliche Atmosphäre. Hier sollte irgendwas sein, sagt das Gefühl. Aber außer Geschichte ist hier nichts.

Generell sind die Wege fast ausschließlich gut begehbare Wald- oder Forstwege, was zwar wenig Abenteuer bedeutet, aber auch wenig Asphalt. Wird mal eine Straße gekreuzt, ist der Asphalt meist top. Note to self: ruhig mal mit dem Rennrad herkommen!

Kleiner Wermutstropfen: Der laut Karte bestehende Pfad durchs Grüne nach Eisenach existiert nicht. Das bedeutet unnötige 10 Kilometer über Straße bis zum Bahnhof. Den ansonsten großartigen Eindruck trübt das aber nicht.

Nächste Etappe dann über den Rennsteig wieder von Eisenach weg. Aber dann ohne Zelt und mit Laufschuhen. Denn dazu gibt es ja bald den Rennsteig Supermarathon…

Den inneren Schweinehund knebeln

Es ist kein Training, wenn es nicht weh tut. Habe ich mal irgendwo gehört. Und ist so schön markig, dass es jedem Hobby-Bruce-Willis das Unterhemd feucht macht. Ist aber auch quatsch.

Wobei…

Es ist auch etwas dran. Unterschiedliche Trainingsreize machen gute Training aus. Das wissen wir alle. Und es müssen immer wieder Spitzen rein, die außerhalb des angenehm laufenden Normalmaß liegen. Schneller oder länger oder beides oder, oder, oder. Eine gute Möglichkeit vor allem für anstehende Langdistanzrennen: der gute alte Doppeldecker. Klassischerweise ein Marathon und am nächsten Tag noch einer. Kann man aber auch abwandeln.

Rain or shine: Lauf durch die Lüneburger Heide
Rain or shine: Lauf durch die Lüneburger Heide

Mitte Februar stand ein kleiner, wunderbar familiär organisierter Marathon in einer der vielen Berliner Parks an. Regen war angesagt, kam aber erst auf den letzten Kilometern. So blieben kühle aber trockene 40 Kilometer, die mit den beiden Regenkilometern auch auf rund 800 Höhenmeter gingen. Eine Seltenheit in Berlin. Tags drauf Wettkampf 2: Frostwiesenlauf. 30 Kilometer, davon 15 im Regen. Hartes Training für die körperliche Ausdauer, aber auch für die mentale Disziplin. Regen und Kälte sind schlechte Begleiter am Tag nach einem Wettkampfmarathon. Aber wo sonst soll die Wettkampfhärte herkommen?

3 Wochen später: Lauf-WE in der Lüneburger Heide. 2,5 Tage, 4 Läufe zwischen 10 und 30 Kilometern, 81 Kilometer insgesamt. Der letzte 30er-Lauf komplett im – Überraschung – Regen. Nicht jeder Kilometer davon hat Spaß gemacht. Als Vorbereitung auf zum Beispiel den langen Rennsteiglauf im Mai oder den Zugspitzultra im Juni aber ganz hervorragende Vorbereitungen. Denn spätestens in den Alpen kann das Wetter noch schneller umschlagen, als gestern bei der Rennradausfahrt mit Wolkenbruch, Hagel und Sonnenschein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also: Inneren Schweinehund knebeln, raus, trotzdem trainieren, und lernen, auch das zu genießen.

Tu es oder lass bleiben – aber laber nicht

“If you die when there’s no one watching
and your ratings drop and you’re forgotten”

So heißt es bei Marilyn Manson in „Lamb of God“. Davon kann man halten was man will – aber mit Worten kann der Mann gut umgehen. Wenn niemand zuschaut, ist es nichts wert. Picture or it didn‘t happen.

Das ist mittlerweile auch im Sport kaum anders.

Heute bin ich über einen Post gestolpert, der zum Blog einer Sportjournalistin führt. Sie bereitet sich gerade auf einen großen und harten Trailrun vor. Gut so. Mehr davon. Natürlich schreibt sie auch darüber. Wer sie ist. Wo sie hin will. Wie schwer das alles ist. Gemeinsam ist ja bekanntlich alles leichter. Es menschelt, der Leser leidet, eifert, schwitzt mit. Und siegt final natürlich auch mit. Das wollen wir lesen. Das geht uns nah.

Was ein Mist.

Warum liegt es eigentlich in unserer DNA, diese beschwerlichen Wege miterleben zu wollen? Damit außergewöhnliche Menschen trotzdem menschlich bleiben und ich so einen Bezug zu meinem leider total austauschbaren Leben herstellen kann? Und warum ist das harte Training z. B. für den ersten langen Trailrun so viel leichter, wenn es unter dem vielstimmig anonymen Antrieb Beifall klatschender Leser und Liker absolviert wird? Große Leistung bedeutet immer auch harte Vorbereitung.

Am Trail starte ich für mich, die Ziellinie überschreite ich alleine. Diese Euphorie teilen zu wollen, ist nur zu verständlich. Irgendwo muss dieses unglaubliche Gefühl ja hin. Auf das ganze Gefunke vorher kann ich gut verzichten. Wie viele Kilometer hast du schon gemacht? Welche neuen Laufschuhe hast du dir gekauft? Auf welches Superfood bist du umgestiegen?

Kein Interesse.

Hast du den Trail, den Berg, die Herausforderung geschafft? Glückwunsch. Erzähl es uns! Das ist verdient. Alles andere braucht kein Mensch.

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Glück an einem Mittwochmorgen im zugefrorenen Grunewald

Was ist Glück? Antworten und Definitionsversuche gibt es viel zu viele. Man kann sich imho nur immer wieder annähern und feststellen: „Das! Das war es.“ Und das kann dann einfach ein frostiger Mittwochmorgen im Grunewald sein.

Viel zu kalt, viel zu werktags, niemand unterwegs. Außer zwei Freunden beim Querfeldeinlauf über gefrorenen Boden aber unter blauem Himmel. Der eine erzählt von seiner Kündigung und der zeitgleich aufgehenden neuen Job-Option. Der andere erzählt von den familiären Problemen zuhause mit Mutter und Vater. Gleich danach wechselt das Thema zu den strahlenden neuen Möglichkeiten die sich dem begabten jungen Journalisten gerade bieten.

Noch immer niemand sonst im Wald unterwegs. Nichtmal Hundehalter.

Die negativen Episoden werden eingerahmt von neuen Optionen und Geschichten aus dem Freundeskreis, während es über Drachenberg, Teufelsberg und diverse Hügel hoch und runter geht.

Nach 25 Kilometern und 400 Höhenmetern ist Schluss. Abklatschen. Glücklich nach Hause fahren.

Das ist Glück.

Glück an einem Mittwochmorgen.

Ruhe im Unwirtlichen

Man soll die Komfortzone verlassen, denn nur dort sind wahres Wachstum und neue Erfahrungen möglich. Außerhalb der Komfortzone ist es vielleicht kalt, nass, anstrengend – aber es ist halt für den guten Zweck.

Doch was ist der komfortable Bereich? Ist er warm und gemütlich und gewohnt? Oder vielleicht kalt und nass und anstrengend? Und was macht es mit der Komfortzonentheorie, wenn es sich ins Gegenteil verkehrt?

Mein Büro ist warm und komfortable. Ein schöner Blick auf die Altstadtmauer, große Pflanze, wohltemperiert. Draußen hat es letzte Woche geregnet und war kalt. Doch der Wind in der internen Struktur und dem Kommandogefüge war kälter, so dass ich an zwei Abenden dezent abgefuckt meine Laufschuhe angezogen habe und im dunklen, kalten Regenwetter Kilometer abgerissen habe. 17 am ersten Tag, 21 zwei Tage später. Nach 12 Kilometern war ich beide mal nass und kalt und verschwitzt – und ruhig. Es funktioniert halt immer wieder. Trotzdem habe ich mich gefragt, wo jetzt die Komfortzone eigentlich liegt? Doch draußen, wo wieder alles gut wurde? Obwohl es nass und kalt war?

Eine Woche später. Der erwähnte Job ist noch relativ frisch. Ziemlich weit oben in der Hackordnung. Es knirscht. Mal wieder. Die Probezeit ist noch nicht ganz vorbei. Also Bilanz ziehen, Meinung sagen, professionell bleiben, trennen, Laufschuhe an, ab in Dunkelheit, Kälte, Schnee. Nach 12 Kilometern wird es ruhiger im Kopf. Nach 16 ist Schluss – es gibt am Abend noch viele Biere zu trinken. So viel Mensch sein muss sein.

Was lernen wir daraus? Laufen ist gut. Und: das Büro im neuen Job ist ganz klar nicht die Komfortzone. Gut, dass ich auch dort viel Zeit verbracht habe. Denn ich habe wirklich viel gelernt, das ich im gemütlichen Lebensteil davor nicht wusste. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ich auch wieder bestätigt bekommen habe: Komfortzonen sind von Mensch zu Mensch und Situation zu Situation unterschiedlich.

Samstagnacht mal 64km des Berliner Mauerwegs laufen

Wenn man Freunden für Samstagabend absagt, weil man die ganze Nacht lang mit ein paar anderen Menschen 64km des Berliner Mauerwegs laufen will, wird man schnell für bescheuert erklärt. Wegen der Distanz. Wegen des Termins. Wegen der Zeit. Und nochmal wegen der Distanz.

Nachtlauf 2018 (c) LG Mauerweg

Nachtlauf 2018 (c) LG Mauerweg

Es war mein erster 64km-Lauf und mein erster reiner Nachtlauf. Start 23:30 ab Berlin HBF. Ich habe mich großkotzig natürlich in die schnellste Gruppe einsortiert, die außer an den Verpflegungsstellen auch keine Gehpausen einlegen wird – im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen. Alle anderen Mitläufer haben die Nachtrunde in den vergangenen Jahren schon mitgemacht. Ok, interessant. Sie haben aber auch alle schon den ganzen verdammten Mauerlauf an einem Stück gelaufen. Die verdammten über 164km! War wohl doch eine bescheuerte Idee von mir? Ich halte meine Laufstatistik mal zurück.

7h später kommt unsere Pace-Gruppe als erste am Wannsee an. Learnings:

  1. Überschätz dich ruhig. Kein Problem. Du musst nur danach auch liefern. Keine Ausreden.
  2. Partytouristen in Berlin sind die Pest, die zwar etwas Tourigeld in die Stadt bringt, aber den Geist der Stadt zerstört. Selbst die typischen Neuköllner waren nicht so ätzend, als nachts 10 Läufer mit Warnwesten (ja: savety first) an ihnen vorbeilaufen. Verreckt einfach am nächsten Vodka Energy.
  3. Eine Nacht lang laufen ist weniger anstrengend, als eine Nacht lang feiern.
  4. Die letzten 15km sind scheiße.
  5. Den ganzen Mauerlauf will ich nie machen. Nie. NIE!

Organisiert wurde der Spaß von der LG Maurweg, die wieder ganze Arbeit geleistet hat. Sehr cool!

Und ja: Manche der Läufer haben wirklich nen Hau weg. Aber sie lassen wenigstens ihre Umgebung in Ruhe. Im Gegensatz zum den Kreuzberger Partytouristen…

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