No Comfort Zone

Monat: Juli 2019

Hamperokken Skyrace 2019: der Showdown naht

Mallorca. Finka. Anfang Februar. Ich habe eine Verabredung mit dem Schicksal. Vor Monaten habe ich das erste Mal vom Hamperokken Skyrace in Tromsø, Norwegen, gehört. 57km lang, 4800 Höhenmeter.

Whaaaaat?!

Hillary Gerardi, winner 2018 (c)  Hamperokken Skyrace / David Gonthier
Hillary Gerardi, winner 2018 (c) Hamperokken Skyrace / David Gonthier

Diese Bilder. Diese Videos! Liebe auf den ersten Blick. Und Ehrfurcht. Viel davon. Ein Setting zwischen Lord of the Rings und Black Metal. Ein schmaler und umso steiler abfallender Grat. So furchteinflößend wie faszinierend. Die Geschichte konnte von Anfang an nur ein Ende nehmen – ich werde nach Norwegen fliegen und das Ding laufen. Und ich werde es finishen! Es wird mein größtes Abenteuer 2019.

Hindernisse? Seltsames Wort. Laut Duden ein „hindernder Umstand, Sachverhalt; Hemmnis, Schwierigkeit“ Ok, zu diesem Zeitpunkt war mein härtester Lauf der Heldentrail vom Südthüringentrail. Ordentliche Kante mit 65km und 2.500 Höhenmetern. Aber nicht alpin. Keine Absturzgefahr. Kein gnadenloser Grat. Und keine 4.800 Höhenmeter! Da hätten wir ein sehr ernsthaftes Hindernis. Wtf, wird ignoriert.

Mallorca. Die Anmeldung öffnet. Server in Norwegen und WLAN in der Finka sind lahm. 30 Minuten nach Öffnung dann die Bestätigung. Ich bin drin! Fuck – ich bin drin! Ich laufe das verdammte Hamperokken Skyrace! Totaler Flash! Doch was genau heißt das? Viel trainieren. Vorbereiten. Lange Läufe wie der Rennsteig Supermarathon. Höhenmeter sammeln, z. B. beim FichtelbergUltra. Alpine Erfahrung holen beim Zugspitz Ultratrail.

Jetzt sitze ich hier. Im flachen Berlin. Tapere. Übermorgen geht der Flieger. Ich habe das WE mit viel Rennrad- und CX-fahren verbracht. Knochen schonen aber Muskeln warmhalten. Jetzt komplett erholen. Ich schaue mir Videos an, lese berichte. Verdammt, worauf habe ich mich da eingelassen?

Es wird der Hammer. Es wird intensiv. Ich freue mich derbe. Dieser Lauf und ich – wir sind weiterhin füreinander gemacht. Hoffe ich. Körperlich bin gut vorbereitet. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber wie sieht es technisch aus? Es wird spannend.

Interessant übrigens, dass es von den Veranstaltern keine letzten Infos vor der Anreise gibt. Es gibt auch keine Pflichtausrüstung, die mitgebracht werden muss. Ganz anders als beim Zugspitz Ultratrail, wo es absolut sinnvoll ist und geprüft wird. Ganz anders als beim Maintal Ultratrail, wo es unnötig ist und trotzdem geprüft wird. Dabei ist es in dieser unwirtlichen Gegend ganz oben in Norwegen wirklich wichtig, das richtige Equipment dabei zu haben. Oder haben es die Norweger etwa geschafft, den gesunden Menschenverstand nicht nur zu fordern, sondern auch so zu triggern, dass die TeilnehmerInnen tatsächlich kluge Entscheidungen treffen? Wenn sie mal nicht bevormundet werden?

Es wird spannend. An allen Fronten und Enden.

Jetzt heißt es Daumen drücken, dass das Wetter gut wird. Im Regen macht es nicht nur wenig Spaß, sondern wird auch richtig, richtig gefährlich in den technischen Passagen.

Maintal Ultratrail 2019: Was ich von den Weinbergen gelernt habe

Was muss das für ein Lauf sein, dieser Maintal Ultratrail? DUV-Cup, German Trailrunning Cup, 1. Bayerische Trail-Meisterschaft über 30 km und 1. Unterfränkische Trail-Meisterschaft über 30 km. Letztes Jahr sogar DUV Deutsche Meisterschaft Ultratrail.

Maintal Ultratrail 2019 - herzlich Willkommen in Veichtshöchheim
Maintal Ultratrail 2019 – herzlich Willkommen in Veichtshöchheim

Liest sich wie das Trailrunning-Mekka mit Gefahr zum Überlaufensein. Als ich um 17:15 am Sportplatz im unterfränkischen Veichtshöchheim ankomme, sieht aber alles noch mehr nach Vorbereitung eines Fußballturniers der lokalen C-Jugend aus. Im Vereinshaus ist ebenfalls noch Hektik angesagt, während die ersten Läufer eintrudeln. Sehr menschlich, sehr sympathisch! Neben der Startnummer gibt es dann nur noch einen Flyer für 2020. That‘s it. Kein Beutel voller Werbung oder ähnlichem Mist. Shirts gibt es auch nur, wenn man sie bestellt hat oder vor Ort kaufen will. Dass die Dinger 20 Euro kosten sollen, ist allerdings „interessant“ kalkuliert. Pastaparty ist übrigens auch zum Selbstkostenpreis von 3,50 Euro pro Portion. Ebenfalls ungewohnt. Da fällt die Entscheidung nicht schwer, lieber gleich zur Pension zu gehen.

Maintal Ultratrail 2019 - sieht am Tag davor noch nicht nach großem Event aus
Maintal Ultratrail 2019 – sieht am Tag davor noch nicht nach großem Event aus

Nachts regnet es , morgens dann trocken aber bedeckt. „Der Boden steckt den Regen prima weg. Und wie ich die Gegend kenne, wird es heute auch nicht regnen,“ heißt es während des Race Briefings um 6:30 Uhr. Seltsam leer ist es. Das sah auf den Bildern von 2018 anders aus. Ein Blick auf die Finisher-Liste Stunden später zeigt: 102 Finisher auf der Ultra Distanz. Gemeldet waren auch nur 126. 2018 haben 258 LäuferInnen gefinished. Da hat die DUV Meisterschaft wohl ordentlich gezogen. Umso entspannter wird es dann wohl auf dem Track!

Maintal Ultratrail 2019 - entspanntes Eintrudeln statt Meisterschaftsgedränge
Maintal Ultratrail 2019 – entspanntes Eintrudeln statt Meisterschaftsgedränge

Das Höhenprofil hat es schon vorher angezeigt: Entspannt wird heute mal gar nichts. Es geht ständig auf und ab. Manchmal sogar richtig steil, man findet nie wirklich einen Flow. Und obwohl es kühl ist, ist die Luftfeuchtigkeit immens. Nach wenigen Kilometern bin ich komplett durchnässt – und ich schwitze nichtmal viel oder schnell.

Maintal Ultratrail 2019 - ein knackides, unruhiges Profil (c) strava.com
Maintal Ultratrail 2019 – ein knackides, unruhiges Profil (c) strava.com

Von wegen. Der Track ist überraschend technisch. Ständig wechselt der Untergrund, es gibt viele schmale Single Trails, viel Wald, ständige Anstiege. Spannend. Der erste Weinberg tut richtig gut. Endlich mal ein bisschen Weitblick und nen Kilometer einfach laufen lassen. Natürlich inklusive bergauf und bergab. Blick auf den Main, Häuser, Bundesstraße. Dann geht es gleich wieder in Wiesen, Hänge, Wälder. Dieses Spiel wiederholt sich beständig. Kommt man aus dem Wald, sieht man meistens den Main, ab und zu Felder, immer irgendwo Urbanisierung. Fühlt sich seltsam an: selten läuft man auf 64 Kilometern so viele Singletrails und so wenig Asphalt. Trotzdem weiß man immer, dass man sich nur schmal an der Zivilisation vorbeischlängelt. Weite Natur ist das nicht.

Maintal Ultratrail - die Wahrzeichen Main und Weinberge (c) mtut.de / A. Bleichner
Maintal Ultratrail – die Wahrzeichen Main und Weinberge (c) mtut.de / A. Bleichner

Die ersten 25 Kilometer laufen sich ganz gut weg. Die Beine merken die unruhige Belastung aber deutlich. Langsam wird es zäh. Alle 10 Kilometer kommt eine Verpflegungsstelle. Das reicht vollkommen. Trotzdem sind die Softflasks jedes Mal leer. Ich saufe wie ein Loch, kriege kaum feste Nahrung runter. Gut, dass es an VP 2 bis VP 5 genügend Gels gibt. Und freundliche Helfer. Die Leute sind wirklich der Hammer. Genau wie die Streckenbeschilderung. So sauber markierte Tracks wünscht man sich.

Ich laufe weiter. Weiter. Weiter. Irgendwann fällt mir das Wort ein, das diesen Lauf zusammenfasst: höhepunktsarm. Abwechslung gibt es genug. Technische Herausforderung auch. Top Markierungen. Tolle Werte mit 64 Kilometern und 1.700 Höhenmetern. Und trotzdem kommt keine wirkliche Freude auf. Es gibt keine Höhepunkte, keine Wow-Momente, keine „genau dafür mache ich das!“-Gedanken. Der graue Himmel passt dazu – auch wenn ab und zu die Sonne durchlugt oder eine Schauer runtergeht. Es läuft einfach immer nur weiter. Und das zunehmend schwerfälliger. Die Distanzen zwischen VP 5 und 6 und dem Ziel gehen runter auf 8 Kilometer. Kinderspiel? Ein Kinderspiel, das sich zieht.

Maintal Ultratrail - viele Trails, viel Wald, viel Abwechslung (c) mtut.de / A. Bleichner
Maintal Ultratrail – viele Trails, viel Wald, viel Abwechslung (c) mtut.de / A. Bleichner

Bevor der Rundkurs sich wieder für die letzten 1,5 Kilometer zum Ziel schließt, kommt ein heftiger Schauer runter. Hat er eventuell die letzten Markierungen weggewaschen? Mehrmals sind eine Läuferin und ich auf den letzten paar hundert verwinkelten Metern unsicher, wo es langgeht. In Veichtshöchheim angekommen sehen wir nichts mehr, fragen eine Passantin wo es zum Sportplatz geht. Sie weißt den Weg, wir stehen plötzlich im Nachzielbereich bei den schon gefinishten Läufern. Überraschte Blicke, wir laufen ein Mal um den Sportplatz und stoßen auf die reguläre Zielgerade. Ich bin mit meiner Zeit nicht wirklich zufrieden. Erklärungen sind einige im Kopf, aber das macht es nicht besser.

Finish. Erleichterung, dass die Mühe vorbei ist. Euphorie? Endorphine? Begeisterung? Leider nicht. An der Nachzielverpflegung drückt man mir gleich ein leckeres alkfreies Kapzuiner Weizen in die Hand. Dankeschön. Ansonsten ist es spartanisch: Etwas Obst, Butterstreuselkuchen, Salz-Cracker. Alles andere gibt es am Stand zu kaufen, den ich gestern schon ignoriert habe. Nach 10 Minuten Sachen holen, duschen, Heimweg. Ein nüchterner Schluss, der irgendwie zum Tag passt.

Die Zugfahrt nach einem Ultra ist für mich immer ein Highlight. Alles ist ruhig, zufrieden, glücklich. Heute fehlt die Euphorie. Dabei gibt es nichts, das den Veranstaltern vorgeworfen werden könnte: abwechslungsreicher geht es nicht. 99% der Strecke waren top markiert. Die Helfer waren Goldstücke. Ein toller Trail in einer schönen Gegend.

Learning für mich: Wenn ich schon 5h oder mehr für einen Trailrun anreise, möchte ich auch wirklich durch die Natur laufen. Natur. Nicht Gegend. Möglichst weit weg von der Zivilisation. Learning 2: Weinberge sind ja hübsch, aber so wirklich spannend finde ich sie nicht.

Werde ich nochmal beim MTUT starten? Ich glaube nicht. Würde ich ihn empfehlen: prinzipiell schon. Denn es steckt wirklich viel Trail drin, in diesem Trailrun, der so gar nicht überlaufen ist.

(Bilder 5 und 6 (c) mtut.de / Angela Bleichner)

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