No Comfort Zone

Schlagwort: Ultralauf

Zugspitz Ultratrail 2019: dramatisch, episch, emotional

Der Zugspitz Ultratrail schreibt seine eigenen Geschichten. Zentral in der 9. Auflage: Unwetter, Absagen, Wut, Zusammenhalt, Hitze, Schweiß, Tränen, Stolz und endlose Freude.

ZUT Impressions 2019 (c) PLAN B / Kelvin Trautman
Das Scharnitzjoch fordert Tribut (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Es ist schwül, deutlich über 30 Grad, Unwetter ist angesagt und die Wolken hängen schwer. Nach rund 1.200 absolvierten Höhenmetern und anschließend über 25 Kilometern in der Ebene geht es schon wieder steil bergan. Ich habe noch nie so viele starke und erfahrene Läufer am Rande des Kollaps gesehen. Die meisten haben wohl in der Ebene überpaced. Es zieht sich, doch meine Taktik scheint aufzugehen: auf der Geraden Körner sparen, Anstiege sauber durchziehen, Abstiege entweder laufen lassen oder überleben, am Ende Tempo machen.

24h vorher: Es ist heiß in Grainau, während immer mehr Sportler über die Expo schlendern und kaufen, fachsimpeln, erzählen. Der ZUT ist ein großes Familientreffen. Ein Thema schwingt bei vielen mit: Für Samstag ist Gewitter angesagt. Und Gewitter in hochalpinen Bergen ist nicht zu vergleichen mit Regen im Mittelgebirge. Am Nachmittag schweigt der Buschfunk rum, dass die Distanzen Ultratrail (102,5 km) und Supertrail XL (82 km) abgesagt seien. Alle entsprechenden Teilnehmer*innen werden auf den Supertrail (64 km) gesetzt. Die Stimmung ist seltsam, die Hitze steht, die Schwüle wird schwerer. Es hängt was in der Luft – Emotion und Wetter. Das spürt jeder. Dann die offiziellen Nachrichten per Mail, SMS und Social Media. Die Gerüchte stimmen.

Race Briefing. Heute keine Vorabend-Party mit lokaler Peitscheneinlage zur Heimatmusik. Nach den obligatorischen Grußworten stehen die aktuellen Infos im Mittelpunkt. Ganz groß: Streckenchef Martin Hafenmair lädt alle Unzufriedenen ein: „Redet mit mir, diskutiert mit mir, beschimpft mich – das ist ok für mich. Aber den Mist in den sozialen Medien toleriere ich nicht.“ Lautester Beifall, 90% der Läufer*innen stehen hinter der Entscheidung. Nur ein paar Deppen verstehen es einfach nicht und pöbeln in den Netzwerken weiter.

Samstagmorgen. Der Start in Leutasch Weidach wird spannend. 1.500 Starter statt der eigentlichen 500. Aber: läuft. Taschenkontrolle läuft reibungslos, Aufstellung in zwei Startblöcken, Start von 10h auf 8h vorverlegt, die Stimmung ist gut, das Wetter noch hervorragend, aber auch schon ziemlich warm.

ZUT Impressions 2019 by Kelvin Trautman
Start in Leutasch Weidach (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Nach 4km, die vorne sehr zügig durchgezogen werden, geht es 800 Meter hoch zum Scharnitzjoch. Was ein Ausblick. Noch halten alle mit, es ist angenehm frisch oben. Sofort geht es wieder runter. Als erstes über ein rund 1 Kilometer langes Schneefeld. Viele laufen johlend mit langen Sprüngen durch die rutschig pappige Weiße, andere investieren Zeit, Nerven und viel Energie beim vorsichtigen Abwärtsrutschen. Beim folgenden Matschstück haut es mich frontal in die braune Suppe. Nichts passiert, eingesaut, weiter. Über die Schnee-Matsch-Kombination kommen ohnehin nicht viele ohne Bodenlandung.

ZUT Impressions 2019 by Markus Frühmann
Abstieg nach dem Scharnitzjoch (c) PLAN B / Markus Frühmann
ZUT Impressions 2019 by Markus Frühmann
Abstieg nach dem Scharnitzjoch (c) PLAN B / Markus Frühmann

Ich bin spontan verliebt in die folgenden Trails, die Ruhe, den Blick, die Luft. Trotzdem schreddert der Abstieg die Oberschenkel, bevor unten endlich die erste Verpflegungsstelle erreicht wird. Die Schwüle hat uns wieder. Es drückt. Wir sind längst klitschnass.

In der Ebene werde ich ungewohnt oft überholt. „Kontrolle. Bleib beim Plan!“ Die meisten werde ich bald schon wiedersehen. Nach den zähen Kilometern gerade aus geht es am Ferchensee und an Badegästen vorbei. Der Himmel zieht sich immer weiter zu. Mein Fehler: Ich glaube, dass auf dem langen Stück zwischen dem aktuellen VP 3 und VP 4 wie bisher Bäche oder Seen kommen werden und schiebe es auf, den Kopf ins Wasser zu halten. Leider bleibt es trocken. Kein Wasser mehr weit und breit. Über die Elmauer Alm geht nochmal steil bergab und gleich bergauf zur Partnnachalm. Kollektives Überhitzen. Der Anstieg macht die meist männlichen Läufer im vorderen Drittel fertig. Erleichterung erst bei VP 8. Wasser, Trinken, Essen.

Ab jetzt geht meine Rechnung voll auf: Vor den letzten 1200 Höhenmetern und dem finalen 1.300 HM Abstieg fühle ich mich frisch und runtergekühlt. Runners High. Gleichzeitig wird es finster am Himmel. Zeitgefühl ist längs weg. 14:00 sagt die Uhr. Wow, das Sub-10-Stunden-Ziel könnte erreicht werden. Hoffentlich hält das Wetter.

Es geht hoch. Hoch. Hoch. Die Grüppchen haben sich extrem ausgedünnt. Aus Forstwirtschaftswegen werden Trails und enge Serpentinen. Bis endlich, nach ewigem Aufstieg, die erste Höhe erreicht ist. Hier eine kleine Routen-Änderungen aufgrund der Schneelage und Wetteraussicht, so dass es über Schnee und Matsch zur Spitze geht, aber über die breiten Wege wieder hinunter. Tiefdunkler Himmel. Es ist kalt. Der Blick ins karge Hochgebirge ist überwältigend.

ZUT Impressions 2019 by Kelvin Trautman
Der letzte Gipfel – was für eine Kulisse! (c) PLAN B / Kelvin Trautman

Bergab wieder das Mantra: „Bleib bei dir, bleib aufmerksam!“ Viele lose Steine am Boden. Es läuft sich schnell, die Stöcke bleiben am Start für Traktion und Kontrolle. Nach dem letzten VP dann ein extrem technischer Serpentinen-Trail ins Tal. Ich laufe komplett alleine und gebe Vollgas. Im unteren Drittel überhole ich diverse Basetrail XL Starter. Ein einzelner Läufer überholt mich trotzdem, wir springen recht leichtfüßig an einer verstörten Gruppe Trekking-Ausflügler vorbei, die fassungslos ruft: „Ihr seid doch verrückt!“ Wir antworten im Chor: „Danke!“ Ich verbuche das mal als Lob.

Nur noch wenige Minuten und der Trail endet in einer Straße. Die mündet in Grainau. Der Weg durchs Dorf. Abbiegen zum Musikpavillon. Dort das Ziel!

Ich bin fertig.

Glücklich. Geflasht. Geflutet von Emotionen und Endorphinen.

Die Leuchtschrift sagt 9:25h. Verdammt geile Zeit! Deutlich sub 10!

Der Zugspitz Ultratrail 2019 ist Geschichte.

5 Minuten nachdem ich im Ziel bin, setzt der Wolkenbruch ein. Zum Glück nur 15 Minuten lang.

Die folgenden Läufer sind nass aber glücklich. Sie kommen einzeln, in Gruppen, noch stundenlang. Der letzte Läufer erreicht nach 15:56:51 das Ziel. Es ist längst stockdunkel.

Höhenprofil des ZUT Supertrail 2019 (c) strava.com
Höhenprofil des ZUT Supertrail 2019 (c) strava.com

Hätte der ZUT 2019 trotz Unwetterwarnung wie ursprünglich geplant stattfinden können? Wahrscheinlich. Trotzdem war die getroffene Entscheidung 100% richtig. Noch nie habe ich so viele Läufer gesehen, die abbrechen mussten, weil Hitze, Schwüle und der anspruchsvolle Trail sie fertig gemacht haben. Auch ohne 102 und 82 Kilometer. Hut ab vor der Chuzpe der Organisatoren und der Flexibilität!

2020 wird der Zugspitz Ultratrail 10. Ich bin gespannt, welche Geschichte das Jubiläum schreiben wird. Klar ist: Ich werde dabei sein!

(Alle Fotos (c) PLAN B / Markus Frühmann & Kelvin Trautman)

Bleilochlauf 2019 – Perfekter Saison Kickoff

Komischer Name: Bleilochlauf. „Was soll‘n das heißen?“ hört man immer wieder beim Fachgesimpel anderer Läufer. Sein Ruf eilt dem eher kleinen aber sehr feinen Lauf voraus. Also 2019 zum Saison Kickoff gemacht und ausprobiert. Goldrichtige Entscheidung!

Mit Bahn und Bus nach Saalburg zu kommen, ist die erste Herausfoderung. ICE, Regionalzug, 2x Bus. Personen im Gleis, ICE zu spät, Regionalzug wartet natürlich nicht die nötigen 3 Minuten, Busse fahren nur alle 2 Stunden. Immerhin: Bis Schleiz komme ich irgendwann. Auch ganz schön das Städtchen inklusive ehemaligem Bahnhof, ehemaligem Schloss und noch offener Bäckerei. Nur kalt ist es geworden. Berlin: 26 Grad beim Start. Schleiz 12 Grad beim Ausstieg aus Bus 1.

Bleilochstausee und Saale - eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Bleilochstausee und Saale – eine traumhafte Kulisse (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Endlich mit dem letzten Bus in Saalburg angekommen. Es regnet. Bett im SEZ Kloster reserviert. Etagenbetten. Lange nicht mehr gehabt. Hunger? Es gibt eine Art Pommesbude mit Currywurst am angrenzenden Campingplatz. Danke nein, Vorräte wegmachen und nicht in die nasse Kälte gehen klingt besser.

SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de
SEZ Kloster: Start, Ziel, Orga (c) Larasch.de

Der Morgen des Starts: Trocken, kühl, Startzeit: humane 9 Uhr. Und was für ein Lauf, der da folgt! Vorne laufen wir die ersten rund 1,5 Asphaltkilometer mit einem 4:30er Pace – wohlwissend, dass noch gute 46km folgen. Und die sind viel auf Wald- und Forstwirtschaftswegen. Sehr angenehm, schöne Gegend, keine Autos. Richtig großartig wird es aber, wenn die Trails kommen. Teilweise zu schmal zum überholen, bei Kilometer 18 sogar mit Adrenalinfaktor, da es links schroff runter geht und der Sturz irgendwann in der Saale enden würde. Dazu die Burgk (sic) im Hintergrund. Was ein Panorama.

Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler
Die Burgk (c) Roselinhos FotoAtelier Steffen Rössler

Die Strecke bleibt abwechslungsreich und wird im letzten Drittel nochmal richtig wurzelig. Obwohl die meisten Körner schon verbraucht sind, ist hier Konzentration gefordert. Generell fällt auf, dass im ersten Läuferdrittel kaum Pausen an den VP gemacht werden. 48 Kilometer sind halt eine Ansage, aber auch nicht die längste Distanz. Die fehlenden Pausen merkt der Körper zum Ende hin – aber was soll‘s? War ja selbst gewählt.

Im Ziel dann vegetarische Pasta, hervorragender Kuchen, supernette Helfer – und unfassbare Zeiten bei der Siegerehrung. 3:23h hat der Schnellste für 48 Trail-Kilometer und 800 Höhenmeter gebraucht. Unfuckingfassbar! Ich bin mit 4:23h auch mehr als zufrieden. Darauf nochmal Kuchen und alkoholfreies Bier holen.

Kaputt, glücklich und frisch geduscht dann Richtung Heimfahrt-Odyssee. Ein lokales Paar nimmt mich netterweise nach Bad Lobenstein mit, von wo aus es noch 2x Regionalzug und 1x ICE bis nach Hause sind. So immerhin kein Bus. Dem traue ich nicht so ganz. Und das Internet auch nicht. Das ignoriert die Verbindung nämlich. Während der 1. Regionalzug durch die Landschaft mäandert, zieht der Kopf Bilanz, warum es eigentlich so großartig war:

  • Superschöne Strecke – vor allem die Trails
  • Liebevolle und hochprofessionelle Orga
  • Kein Sponsoring-Wahn, sondern Überzeugungsarbeit und Hingabe
  • Überall vegetarisches und veganes Essen – da sollten sich andere Läufe mal ein paar Scheiben von abschneiden

Zwei kleine Anekdoten am Ende:
1) Einwegbecher sollten der Umwelt zuliebe abgeschafft werden, doch die Lieferung der Faltbecher kommt nicht rechtzeitig. Es bricht den Organisatoren fast das Herz. Kein wirkliches Problem, aber es zeigt, wie sehr hier Gewissen und Herzblut mit-organisieren.
2) Am ersten VP mit Snacks bedanke ich mich bei den Helfern. Was kriege ich zurück? „Danke, dass ihr hier lauft! Wenn niemand käme, ständen wir die nächsten Stunden ziemlich doof hier rum mit all dem Essen.“ Eigentlich nur ein lustiger Spruch, der imho aber Bände spricht über das Selbstverständnis der Organisatoren und Helfer.

Hut ab Bleilocklauf!

Und damit niemand dumm sterben muss: Der Lauf geht um den Bleilochchstausee. Der wiederum heißt so weil: „Sperre und Stausee sind nach den Bleilöchern benannt, die sich vor der Anstauung dort befanden und in denen Blei abgebaut wurde.“ (s. Wikipedia)

(PS: Die große Bildergalerie bleibt aus, da ich lieber laufe als Bilder mache. Alle Landschaftsbilder oben stammen von www.bleilochlauf.de.)

Das Training wird spezifischer: Tempospitzen und Höhenmeter

Frühling und Herbst scheinen wir kaum noch zu haben – nach dem Winter ist gefühlt der Sommer wieder da. Dem Training kommt das nur entgegen, denn der Winter wurde für Grundlagen genutzt. Lange Läufe, immer wieder schnelle Einheiten. Neben 30er-Wettkämpfen wie dem Frostwiesenlauf und dem Schneeglöckchenlauf sind auch die ersten beiden Marathons absolviert. Das ist gut so, denn in weniger als einer Woche steht schon der erste reine Trail-Wettkampf an: der Bleilochultra in Saalburg. Danach folgen fast Schlag auf Schlag der Fichtelberg Ultratrail und der Rennsteig Supermarathon.

Höhenmeter sammeln in Berliner Tristesse am Teufelsberg
Höhenmeter sammeln in Berliner Tristesse am Teufelsberg

Mit 74km wird der Rennsteig meine bisher längste Strecke. Gepaart mit diversen Höhenmetern. Um das Training noch spezifischer zu gestalten, versuche ich es mit gezielten Höhenmetern – z. B. beim Community Run Vertical-K am Berliner Teufelsberg (gut 800 HM auf 12km in 90 Minuten) und Sprint-Einheiten, um Spitzen zu setzen: 3.000m im Techniktraining in 11:09 Minuten und 4.300m beim Airport Nightrun in 14:50.

Alles wurde gut verdaut, das normale Training nicht beeinträchtigt. Nur die Tapering-Einheiten sind hart. Das süße Nichtstun ist mental ganz schön anstrengend. Passt die Form jetzt erstmal?

Der Bauch sagt: „Das passt schon so!“

Das Hirn sagt: „Wird schon hinhauen.“

Bleilochlauf, Fichtelberg und Rennsteig werden es zeigen. Danach stehen die wirklichen Herausforderungen an: Zum 1. Mal Zugspitz Ultratrail und das Skyrace im norwegischen Tromsø. Ich bin gespannt!

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