Der Rennsteiglauf ist anders. Der Rennsteiglauf ist besonders. Sehen wir uns beim Rennsteiglauf?

Für ambitionierte Hobby-Ultrarunner geht kein Weg am Klassiker vorbei. Der Supermarathon bringt 74km und 1.800 Höhenmeter auf die Uhr. Das ist ein Brett. Also hinmachen, laufen, Urteil bilden.

2019 findet der GutsMuths-Rennsteiglauf zum 47. Mal statt. Inklusive aller Distanzen gibt es rund 20.000 Anmeldungen, fast 2.000 Läufer/innen werden den langen Supermarathon beenden. Wow. Entsprechend erfahren und reibungslos ist die Organisation vor Ort inklusive Klos-Party am Abend zuvor in Eisenach. Thüringer sind halt so stolz auf ihre Klöße, dass es keine Pasta-Party gibt. Eine angenehme Abwechslung.

Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach
Start des Rennsteig Supermarathons auf dem Marktplatz in Eisenach

Übernachtung in der Schule. Beim Rennsteiglauf bedeutet Schule dann auch wirklich Schule. Die Klassenzimmer sind leergeräumt, man schläft auf dem Boden und hat deutlich mehr Ruhe, als in den sonst gerne genutzten Turnhallen. Der nächste Morgen beginnt früh, es ist mit 6 Grad recht frisch, aber trocken und wolkenlos. Schön, wenn der Wetterbericht recht hat, denn diese Aussicht noch zwei Wochen vorher möchte heute niemand haben:

2 Wochen vorher - Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf
2 Wochen vorher – Rennsteig im Schnee (c) GutsMuths-Rennsteiglauf

Zügig losgelaufen, um aus dem Startpulk zu kommen, der sich nach rund 1km vorhersehbar an der ersten Rampe zusammendrückt. Es folgen 25km nahezu nur bergauf bis auf den Großen Inselsberg. Das frisst Körner, denn so weit vorne werden die oft sanften Anstiege natürlich gelaufen. Anfängerfehler. Trotzdem drauf reingefallen. In der zweiten Hälfte des Laufes wird es entsprechend sehr anstrengend. Und lang. 74Km sind halt 74km. Das dauert.

Profil des Rennsteig Supermarathons
Profil des Rennsteig Supermarathons

Nach 54km kommen wir zum Grenzadler. „Nur noch 21km. Mir reichts aber auch,“ ruft ein Mitläufer. Nach 54km klingen 21km nicht mehr so viel. Aber, fuck, es zieht sich. Und nach ein paar Wellen geht es nochmal hoch auf den Großen Beerberg. Schon wieder nicht wirklich steil, schon wieder die Frage: laufen oder gehen? Irgendwann, irgendwann, irgendwann werden die noch ausstehenden Kilometer einstellig, wir holen schrecklich nette Wanderer ein, es sind noch 5km, Schmiedefeld wird vom Skihang aus sichtbar, es geht ins Dorf – da! ein rotes Tor! Aber nein, das ist da halt mal so hingestellt, es ist aber nicht das Ziel. Das kommt erst 500m später. Natürlich nochmal einen Hügel hoch. Dann aber! Nach dem mit unglaublich vielen Menschen gesäumten Zieleinlauf ist der GutsMuths-Rennsteiglauf vorbei..

Und? Ist er anders?

Ja, er ist. Selbst im Wald stehen immer wieder Zuschauer und applaudieren. Teilweise trifft man die gleichen Zuschauer an mehreren Stellen, weil sie mitreisen. „Dich sehe ich heute zum 3. Mal. Weiter so!“ Da kann es einem schonmal warm ums Gemüt werden.

Und ja: Der berühmte Haferschleim ab VP3 ist eine sehr willkommene Alternative zum gewohnten Trail-Food und geht ziemlich gut runter. Auch wenn es seltsam ist, an jedem VP zugerufen zu bekommen: „Schleim! Schleim dahinten!“

Im Ziel dann nochmal umgeschaut. Wirkt wie Jahrmarkt, so groß, so zeltig, so bunt. Aber dass der Rennsteiglauf Volksfest-Charakter hat, weiß man ja. Im großen Festzelt ist nach dem Lauf schon kaum noch ein Platz frei. Wir verabschieden uns vor dem großen Regen und fahren zurück nach Berlin. Unterwegs die ersten Live-Bilder aus dem Zelt. Könnte auch Oktoberfest sein. Zumindest ein kleines. Das gehört wohl auch dazu. Kann man mögen, muss man aber nicht. Mir ist die Rückfahrt lieber.

74km später - das Ziel in Schmiedefeld
74km später – das Ziel in Schmiedefeld

Und nun? Fazit?

Tolle Organisation. Unglaubliche Zuschauer. Tolle Verpflegung. Leider keine Ausschilderung die ersten rund 15 Kilometer, aber da laufen genügend andere um einen herum, so dass man sich nicht verlaufen kann.

Mit 7:51:53 ist das Sub-8 Ziel erreicht. Beim nächsten Mal geht das sicherlich noch schneller, wenn mehr Hügel gegangen statt gelaufen werden.

Werde ich jetzt auch einer, die beim Zieleinlauf durchgesagt bekommen: „Er ist schon zum 37. Mal dabei!“ Eher nicht. Es gibt zwar nichts negatives über den Lauf zu sagen, aber so richtig finden wir trotzdem nicht zusammen. Es ist mir zu groß, zu volksfestig. Aber das ist ein rein persönliches Urteil. Wer große Laufveranstaltungen mag, wird kaum etwas besseres als den GutsMuths-Rennsteiglauf finden. Und ja: Auch ich werde wiederkommen. Aber nicht 37 Mal in Folge.

Und wer noch etwas Bildung in Sachen Namensgebung haben möchte: Der Name kommt von Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Man soll ja nicht dumm sterben müssen.

Eindrücke vom 47. GutsMuths-Rennsteiglauf