Restonica Trail auf Korsika: Eine brutale Schönheit mit ganz eigenem Flair

Was für ein schöner Ort: nach steilem bergauf, bergauf, bergauf ein kleines, schattiges Pinienplateau. Die Felsen, auf denen der bärtige Läufer sitzt, sind einladend wie ein Sofa.

„Are you ok?“ frage ich. „No.“ Es tropft konstant von seiner Kappe. Ich teile sein Leiden: „Me neither. I‘m suffering.“

Seit 2h Stunden schon habe ich fast konstant Krämpfe in so ziemlich allen Beinmuskeln, die man als Nichtmediziner kennt: Waden, vordere Oberschenkel, hintere Oberschenkel, das Zeug an der Seite. Ich will mich zu ihm setzen, aber sofort gehen die Muskeln in rigoroses Kontra. „Take my seat. It‘s a good seat“, sagt der Läufer und rückt ein wenig. Wir laufen beide nach gutem Start mittlerweile in der Invalidenabteilung des Restonica Trail 2021.

Korsika ist steil - überall (c) Restonica Trail
Korsika ist steil – überall (c) Restonica Trail

Das war anders geplant. Sehr anders. Was für Zeiten wären machbar? Was würde die Taktik sein beim ersten großen, internationalen Trailrun Wettkampf seit über 1,5 Jahren? 3 Tage vor Start ist das plötzlich egal. Sommererkältung. Ich fliege trotzdem mit einem Laufkumpel rüber – mindestens anfeuern würde ich ihn.

Am Laufstartmorgen, 5h, ist die Konstitution ok genug zum starten, denke ich. Schlau ist das nicht. Wissen wir alle. Aber die Seele braucht das jetzt. Will im überschaubaren Startpulk von rund 230 Startenden stehen, will durch den farbigen Rauch und die leere Altstadt von Corte laufen, will 1.200 Höhenmeter allein im ersten Anstieg machen, will 70km mit insgesamt 4.000 Höhenmetern abledern. Dass ich wirklich am Arsch bin merke ich, als ein Läufer mit Teddybär vorm Laufrucksack an mir vorbeizieht. Jetzt geht es tatsächlich nur noch ums so oft zitierte Durchkommen.

„Have you seen my friend?“ fragt mich der Kumpel des Bärtigen 150 Meter oberhalb der Felscouch. „He‘s coming. But he‘s looking really bad.“ Der Restonica Trail fordert. Er fordert gewaltig. Von den 70km sind maximal 20km laufbar. Der Rest ist steil bergauf, steil bergab, rutschig, verblockt oder überwuchert. Und trotzdem – ein Lauf zum verlieben!

Wie schön kann Landschaft sein? (c) Birgit Lachner / Wiki Commons
Wie schön kann Landschaft sein? (c) Birgit Lachner / Wiki Commons

Das Panorama mit bewaldeten Hängen, Bergseen direkt aus Achtsamkeits-Werbeclips, atemberaubenden Felswänden, uralten Pinienwäldern – es sind nicht die Alpen, aber die korsische Landschaft steht dem in nichts nach. 3 Tage lang steht die malerische Gegend um das Restonica Tal bei Corte komplett unter Trailrun-Fahne. 4 Läufe gibt es zur Auswahl:

  • 110km mit 7.200 HM
  • 70km mit 4.000 HM
  • 33km mit 2500 HM
  • 17km mit 650 HM

Die VP sind teilweise tagelang besetzt, bis auch die letzten Laufenden vor Cut Off durch sind. Und über allem ein Flair, dass man von den gewohnten (guten) Salomon-präsentierten Läufen kaum kennt: Im Starterbeutel gibt es korsisches Bier und Wein, korsische Wurst und Marmelade. Keine VP kommt ohne den extrem guten korsischen Käse aus – und die riesiger Schar Freiwilliger ist merklich stolz auf ihr Event.

Ach was schön!

Der Felsbogen - nach dem ersten Anstieg wartet eines der Wahrzeichen der Strecke (c) Restonica Trail
Der Felsbogen – nach dem ersten Anstieg wartet eines der Wahrzeichen der Strecke (c) Restonica Trail

Wenn da nicht diese Kleinigkeit wäre, dass sich nach der Hälfte der Strecke der Körper verabschiedet hat. Schon der 2. der 3 wirklich bösen Anstiege bringt muskuläre Aussetzer, der sehr technische Abstieg ist kaum besser. Dabei ist es der legendäre Teil des Restonica Trail – die Krone am Punta alle Porte. Schon von weitem werden wir mit lauten Rufen an den Felswänden entlang begrüßt, während wir uns zur Scharte hochmühen, um auf der anderen Seite durch letzte Schneefelder zu rutschen. Danach folgt das traumhafte Tal bei Grotelle, das auch viele Ausflügler ansteuern, die uns kollektiv anfeuern. Überhaupt: An dieses „Courage!“ kann man sich wirklich gewöhnen. Putzig und nett zugleich.

Lac de Nino (c) Arnaud Abadie / Wiki Commons

Vor der VP Grotell gilt es Wasserläufe an Bergsteigerseilen zu überspringen, danach folgt ein wunderschön trailiger Pfad durch den Wald, bei dem nochmal alles aus den Beinen herausgeholt werden könnte. Nach dem letzten Anstieg mit mal eben 800 Höhenmetern am Stück und der VP Alzu folgen rund 12km feinster, anspruchsvoller Trail für alle, die noch locker laufen können. Gegenanstiege sind Ehrensache – wir sind ja nicht zum Spaß hier. Ich entdecke das Powerhiken für mich und komme dem Ziel in Corte langsam immer näher. Diverse Stunden hinter Plan und trotzdem noch Stunden vor manch anderen Leidenden.

Vom Felspfad über Corte kommt man direkt an die alte Zitadelle, noch ein Mal um die Kurve und da ist die Altstadt. „Schnauze Beine, jetzt wird gelaufen als gäbe es kein Morgen!“ Treppen runter, vorbei an vollbesetzten Restaurants, applaudierenden Menschen – es werfen sogar Kinder Blumenblätter als ich vorbei komme. Sind wohl von der Hochzeit übrig, ist mir aber egal. In meiner Welt machen die das nur für mich! Noch 200 Meter die alte Hauptstraße runter zum Zielbogen …. finis.

Mein Kumpel wartet schon im Ziel. Sein Plan ging auf, auch wenn er ebenfalls komplett durchgemangelt ist. Wir sind die beiden einzigen Starter aus Deutschland. Von einer handvoll Frankofoner abgesehen, sind hier sonst nur französische Startende. So sind immerhin 100% der deutschen Starter ins Ziel gekommen – insgesamt 54 DNF sind es dieses Jahr.

Warum bei uns sonst niemand den Lauf auf dem Schirm hat, ist mir ein Rätsel. Tollste Landschaft, harte Herausforderung, extrem liebevoll, Teile des legendären Fernwanderwegs GR20 obendrauf – was will man mehr? Dass ich wiederkomme, ist sicher. Da ist ja noch eine Rechnung offen.

Höhenprofil des Restonica Trail (c) strava.com

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  1. Hi Tobias, ich kann Deinen schönen Bericht vom RT gut nachvollziehen (nach meinem Finish beim UTC 2019). Das ist wirklich in jeder Hinsicht ein mega Event.

    • Tobias

      Danke dir Michael! Es ist aber auch ein wahnsinnig schöner – und harter – Lauf. Aber fetter Respekt für den UTC und deine Leistung!

  2. Martin Feigel

    Hallo Tobias,
    sehr gut beschrieben! Ich bin den UTC gelaufen (von „Laufen“ kann man ehrlicherweise aber nicht reden) und mir ging es, was die Erwartung an die Finisherzeit angeht, wie Dir. In dieser Gegend kann ein Kilometer schon mal seeehr lange dauern😉.
    Die Schönheit dieser Insel ist einzigartig, es war ein tolles Erlebnis!

    Martin

    • Tobias

      Hallo Martin,

      danke dir für die lieben Worte. Ich kann mir vor allen UTC Finishern wirklich nur verneigen. Das ist richtig groß!

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