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Evolution durch Leiden: Regen, Verletzungen und DNF

Was heißt es, als Läufer*in erwachsen zu werden? Neben den Höhen auch die Tiefen zu kennen? Zu merken, dass man nicht unzerstörbar ist? Zu wissen was man kann und mag – und was eben nicht? Zu verlieren und wieder aufzustehen? Dann ist meine Läuferseele wohl mittlerweile erwachsen geworden.

Das Maximum an Sonnenaufgang beim Pitz Alpine Glacier Trail 2022
Das Maximum an Sonnenaufgang beim Pitz Alpine Glacier Trail 2022

Ich marschiere klitschnass irgendwo im Korridor zwischen 2.500 und 2.8000 Höhenmetern durch die Pitztaler Alpen. Ich sehe fast nichts, denn neben dem vorhergesagten schlechten Wetter macht vor allem der Nebel beim Pitz Alpine Glacier Trail 2022 den Spaß ziemlich zunichte. Zumindest für mich (hier der ausführliche Bericht). Die Entscheidung steht: DNF. Did not finish. Ich werde abbrechen. Die drei Buchstaben, vor denen ich mich immer gefürchtet habe, die ich aber auch nie als Option zugelassen habe. Ich breche nicht ab. Kein Rennen ist stärker als ich.

Oder?

2 Ultras, 5 Marathons, 18 Halbmarathons, 738,23 km in 2 Monaten

Corona und der monatelange Lockdown machen etwas mit uns. Niemand von uns hat vorher eine Pandemie miterlebt, wir alle reagieren unterschiedlich. Im Guten wie im Schlechten, im Großen wie im Kleinen. Im ersten Lockdown, Frühling 2020, hat mir das Radfahren Ruhe gebracht. Am 18.03.2020 war der schon fast prophetische Titel der Fahrt „Ride for Headspace“. Als hätte ich es geahnt… Doch was passierte im zweiten, deutlich längeren Lockdown?

Ende der Grundlagen-Challenge - oh wie schön ist Brandenburg
Ende der Grundlagen-Challenge – oh wie schön ist Brandenburg

Die Tage wurden dunkler und kälter, die Bedingungen für lange Fahrten immer ungünstiger. Sozialleben: off. Gruppentraining: off. Abrgillen, Vorweihnachtstimmung, Winterurlaub: off. Also bin ich noch mehr gelaufen. So viel wie noch nie.

Erfolgreich wiederbelebt: Der Borderland Ultra 2020

„Zählt das jetzt eigentlich schon als Trail?“ schallt es nach wenigen Kilometern von hinten, während wir bergab über Beton-Loch-Platten laufen und versuchen, uns nicht die Gelenke zu brechen. „Ich finde die Panzerplatten deutlich härter zu laufen als Trails!“ kommt gleich die Erwiderung, während ich aufs Unkraut zwischen den alten Jeep-Wegen der DDR-Grenzer ausweiche.

Wachturm und Grenzzaun erinnern an die Geschichte des Heldburger Landes (c) Borderland
Wachturm und Grenzzaun erinnern an die Geschichte des Heldburger Landes (c) Borderland

Arberland Ultratrail 2019: Ein Traum für Trailrunner

3 Grad. Über den Gipfeln des verzaubert schönen Bayerischen Waldes wird es hell. Es soll ein perfekter Spätsommertag werden, aber noch ist es bitterkalt, während uns eine kleine Kapelle zur Startlinie geleitet. 196 offiziell gelistete StarterInnen eröffnen den Arberland Ultratrail 2019. 64 Kilometer, 2.400 Höhenmeter. Ein knackiges Programm.

Arberland Ultrarun im malerischen Bayerischen Wald (c) Arberland Ultrarun / Marco Felgenhauer / Woidlife Photography
Arberland Ultrarun im malerischen Bayerischen Wald (c) Arberland Ultrarun / Marco Felgenhauer / Woidlife Photography

Der Arberland Ultratrail findet erst zum 4. Mal statt, hat aber schon jetzt einen hervorragenden Ruf. Zu Recht. Man verzeiht den wahnsinnig netten Organisatoren schon beim Race Briefing, dass auf den Bibs die falsche Notfallnummer steht. Es gibt an allen VP selbstgemachte Müsliriegel vom Bäcker in Bodenmais, die unendlich viel besser schmecken, als die verriegelte Chemiepampe. Und die Strecke – das Herzstück – ist vom feinsten.

Ein stilvoller Start für die 196 Ultrarun-TeilnehmerInnen (c) Arberland Ultrarun
Ein stilvoller Start für die 196 Ultrarun-TeilnehmerInnen (c) Arberland Ultrarun

Wir starten wellig auf knapp 1.000 Metern Höhe, laufen rüber zur Arber-Talstation und von dort hoch auf den Großen Arber mit 1455 Metern. Die ersten etwa 12 Kilometer sind ausschließlich Forstwirtschaftswege. Wo bleiben denn die Trails? Und schon geht es ab in den Wald. Hier kommen sie also.

Was vom Transalpine Run bleibt – Lehrstunden die nachhallen

Vor 7 Tagen saß ich genau jetzt in einem Reisebus von Sulden in Südtirol nach München. Es regnete. Wir fuhren durch die Berge. Hinter mir lagen 8 Tage Laufen. Durch die Alpen. Der legendäre Transalpine Run. 8 Tage, rund 280 Kilometer, etwa 16.000 Höhenmeter im 2er-Team. Sonnenbrand, Muskelkater, Regentage, Schneematsch, unsagbare Schönheit, dramatisches Gewitter – viel zu viele Eindrücke von einem Ausbruch aus dem Alltag und einem Einbruch ins Abenteuer (hier das komplette Tagebuch zu allen Etappen). Der müde Kopf am Fenster des Busses kommt nur langsam nach, das alles zu verarbeiten.

Jetzt, 7 Tage später, eine Arbeitswoche später, wirkt das Abenteuer TAR fast schon surreal in der Erinnerung. Surreal, ja, aber es hallt nach. Nachhaltig.

Was bleibt von den 8 Lauftagen? Neben Trittsicherheit und hervorragender Auge-Stock-Koordination? Es gab viele Lehrstunden – diese 7 werden mit Sicherheit präsent bleiben:

  1. Das Team ist nur so gut, wie die Kommunikation und der gegenseitige Respekt.
  2. Wie du deine Mitmenschen behandelst, so werden sie dich behandeln.
  3. Es geht um dich, die Strecke, das Miteinander. Dein Job, dein sozialer Status, deine Herkunft sind irrelevant.
  4. Vertrau dir. In dir steckt viel mehr, als du denkst. Wenn du aber an deine Grenzen kommst, hör auf. Die Berge verzeihen keine Fehler.
  5. Sei zufrieden. Leistung ist relativ: es wird immer jemand schneller und jemand langsamer sein als du.
  6. Auch nach dem schlimmsten Tag kommt ein neuer, besserer Morgen.
  7. Realität und Alltag sind Konstrukte, die wir aufbauen und uns darin einrichten. Dabei gibt es genügend Abenteuer da draußen. Wir müssen nur die Tür öffnen und losgehen.

Letztlich ist der Transalpine Run auch nur ein Trailrun. Ein langer Trailrun. Ein Wettkampf. Ein langer Wettkampf. Man kann danach wieder nach Hause fahren und ihn als schönes Westentaschenerlebnis abtun. Aber das gelingt fast niemandem. Wir kommen nach Hause und es hallt nach. Hoffentlich möglichst lange.

Pure Emotion: Transalpine Run Etappe 8 – Prad nach Sulden

Schneefall. Alternativ-Route. Der Ortler – Höhepunkt der Etappe und vielleicht sogar des ganzen Transalpine Run – ist zu gefährlich im Abstieg. Wird die 8. und letzte Etappe der grandiose Zieleinlauf oder lediglich Pflichterfüllung im schlechten Wetter?

Team Quick & Dirty ist, wie viele andere Teams auch, in Sulden untergebracht und muss per Shuttle zum Start der letzten Etappe nach Prad fahren. 6:25. Es ist dunkel. 3 Grad. Regen. Der durchnässte und verfrorene Vortag steckt vielen noch in den Knochen. Die Stimmung ist mies. Zum Glück gibt es heute eine Halle am Start, in der wir uns trocken und warm auf den Start vorbereiten können. „Das ist mein 10. TAR. Bisher war ich immer sentimental am letzten Tag. Heute nicht. Heute will ich es nur noch hinter mich bringen,“ erzählt eine Mitläuferin aus unserer Mixed-Kategorie.

Während wir drinnen sitzen, merken wir nicht, dass draußen der Regen aufhört. Hoffnung während der Startaufstellung. Immerhin nicht im Regen starten. Dieses Mal in langer Hose und gleich mit Regenjacke sind wir einigermaßen vorbereitet – und gespannt auf die Alternativ-Route. Es sollen knapp 26 km und 2.000 Höhenmeter werden.

Ein letztes Mal “Highway To Hell“ um 7:59.

Startschuss.

Transalpine Run 2019 - Start der 8. Etappe (c) PlanB / Harald Wisthaler
Transalpine Run 2019 – Start der 8. Etappe (c) PlanB / Harald Wisthaler

1 Kilometer Asphalt, dann berghoch. Es wird warm. Es bleibt weiter trocken. Wir steigen und steigen. Durch Wald, Forstweg, Fels, Wiese. 1.000 Meter geht es hoch – Südtirol zeigt seine schönste Gegend.

Wie nass kann die Hölle sein: Transalpine Run Etappe 7 – Scuol nach Prad

Val d‘Uina – eine so malerische Gegend, dass man nach dem Regisseur sucht, der dieses Setting in Auftrag gegeben hat. Wir erreichen es nach gut 7 km Asphalt und Gravel auf der 7. Etappe des Transalpine Run. Und sind beeindruckt. Laut Plan und Hoffnung könnten wir dem Regen heute irgendwie entkommen.

Transalpine Run 2019 - das traumhafte Val d‘Uina (c) PlanB / Klaus Fengler
Transalpine Run 2019 – das traumhafte Val d‘Uina (c) PlanB / Klaus Fengler

Die Stimmung steigt mit dem malerischen Ausblick der Uina Schlucht. Wahnsinn. Eine Lehrstunde in Ehrfurcht.

Transalpine Run 2019 - Blick auf die Uina Schlucht (c) PlanB / Andi Frank
Transalpine Run 2019 – Blick auf die Uina Schlucht (c) PlanB / Andi Frank

Im Gewitter auf dem Fuorcla Champatsch: Transalpine Run Etappe 6 – Samnaun nach Scuol

Leck mich fett – diese Etappe ist, fürs Erste, die härteste für mich. Knapp 41 Kilometer, 2.254 Höhenmeter und 2.839 Meter runter, das Ganze in 5:44 Stunden. Im Gegensatz zu den bisherigen Transalpine Run Etappen habe ich im langen Abstieg heftig Feuer gegeben. Und bin im Ziel komplett zerstört. Mal sehen, wie die Rechnung morgen aussieht.

Dabei fing alles ganz ordentlich an. Harter Regen ist für Samnaun angesagt, aber dem laufen wir mit dem 8-Uhr-Start davon. Es geht – natürlich – hoch. In die Wolken. In die Kälte. Auf den Fuocla Val Gronda mit 2.752 Metern. Mir geht es nicht wirklich gut. Müde. Angeschlagen. Magen. Nach 6km schon der erste VP. Eigentlich nicht nötig, aber trotzdem gut, um etwas Salzstangen, Käse und vor allem Salz zu mir zu nehmen.

Weiter. Weiter hoch. Es läuft besser. Ich komme in mein Rennen. Wir bleiben mehrere Kilometer auf 2.500 Metern Höhe. Fast schon gespenstig der ständige Wechsel aus gehen und laufen im Nebel. Außer Schritten, Stockgeklapper und schwerem Atem hört man nichts.

Die einzige Richtung ist nach oben: Transalpine Run Etappen 4 und 5 – Landeck nach Samnaun und Bergsprint

Sie gilt als Königsetappe des Transalpine Run: Etappe 4 von Landeck nach Samnaun. Rund 46 Kilometer lang mit 2.900 Höhenmetern. Bei gutem Wetter Ausblicke die für ein Bilderbuch zu schön wären. Doch welcher König quält sich den 1.600 Höhenmeter-Anstieg am Anfang hoch?

Nach 5 flachen Kilometern geht es erst durch kleine Dörfer steil hoch, dann durch Wälder und übe Wiesen, vorbei an Almen, über Skihänge, durch die Wolken.

Transalpine Run 2019 - es zieht sich, man zieht sich (c) PlanB
Transalpine Run 2019 – es zieht sich, man zieht sich (c) PlanB

Wir haben 9 Kilometer Zeit, um 1.600 Meter Höhe zu machen. Ausblick galore als wir über die Wolken kommen: umrundet von kargen Felsgipfeln liegt das Tal wie ein großes Schaumbad unter uns. Über uns wartet VP 1. Weiter.

Auf Traumtrails durch die Wolken: Transalpine Run Etappe 3 – St Anton nach Landeck

Das gab es in der Transalpine Run Historie auch noch nicht – der Start wird wegen heftiger Gewitterwarnung von 7 auf 9 Uhr verschoben. Als Race Director Martin Hafenmaier das beim allabendlichen Race Briefing ankündigt, ist der Beifall groß. Wir haben alle den Wetterbericht gesehen. Gewitter die ganze Nacht durch. Gewitter am Morgen. Dauerregen danach. Kälteeinbruch. Gehört zum TAR, mag aber trotzdem niemand wirklich. Und ist verdammt gefährlich.

Umso geiler der Blick aus dem Fenster beim Frühstück: Nass, tiefhängende Wolken, aber kein Regen. Heute liegen 41 Kilometer und gut 1.800 Höhenmeter vor uns. Alles wird nass und matschig und deshalb technisch sein. Daher neue Taktik für Team Quick & Dirty: Etwas verhaltener starten, der Berg wird bestimmt nicht gleich ein Trail, danach auf die Technikkarte setzen.

Transalpine Run 2019 - ab in die Wolken (c) PlanB / Andi Frank
Transalpine Run 2019 – ab in die Wolken (c) PlanB / Andi Frank

Passt soweit. Wir starten ohne Regen und marschieren nach 2 km in die Wolken rein. Ab 1.600 Metern kommt der Regen. Und der Schweiß. Heute wohl keine Fotos mit wehenden Haaren – alles ist nass. Außer den Füßen zum Glück. Skurril ist, wie oft wir beim 800-Meter-Anstieg Richtung Leutkirchnerhütte überholt werden. Haben die alle noch so viel Kraft an Tag 3? Sind wir so lahm? Oder überschätzen die sich einfach alle?

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