No Comfort Zone

Herkulesweg und Werra-Burgen-Steig: von Heilbad Heiligenstadt nach Eisenach

So viel Qualität muss ein Qualitätswanderweg erstmal bringen: Traumhafte Landschaft, (innerdeutsche) Geschichte, top Ausschilderung und absolutes Traumwetter über Ostern 2019 – der Ausflug von Heilbad Heiligenstadt nach Eisenach über ein kurzes Stück Herkulesweg und längeres vom Werra-Burgen-Steig ist ein Gedicht. Wenn auch ein anstrengendes. 3 Tage jeweils über 30km und insgesamt 2.700 Höhenmeter. Da fließt beim frühen Sommerwetter schonmal Schweiß.

Schönste Hügellandschaft – der Werra-Burgen-Steig

Die Gegend ist von vielen Wanderwegen durchzogen, so dass viele Alternativen denk- und wanderbar sind. Sobald die großen Wege verlassen werden, sollte man allerdings mit Karte und Kompass zurecht kommen. Dann sind Wegzeichen nämlich selten. Gänzlich verlassen ist übrigens, wer dem Pilgerweg mit der Jakobsmuschel folgen will. Die Ausschilderung taucht immer wieder auf, fehlt aber vor allem an schwer zu interpretierenden Abzweigungen dann meist wieder. Da hat jemand mitgedacht. Nicht.

Geschichtlich gibt es dem Namen entsprechend viel historisches, was einen Aufenthalt in den Dörfern und Kleinstädten lohnenswert macht. Burgen, Ruinen, Fachwerk wann immer einem danach ist. Wer Kilometer gut machen will, geht weiter und wird mit schönster Landschaft belohnt, in der trotz Feiertag und Kaiserwetter nahezu niemand unterwegs ist. Nur am dritten Tag kreuzen 2x 2 Wanderer in der Nähe von Kreuzburg den Weg. Und die Geschichte kommt trotzdem nicht zu kurz, da das Grüne Band – also die Gegend der ehemaligen innerdeutschen Grenze – ebenfalls sehr geschichtsträchtig ist. Ein Weg der etwas anderen Art sind entsprechend die kilometerlangen Panzerplatten der ehemaligen DDR-Grenzpatroullien. Auf einem kleinen Höhenzug gelegen, geben sie der ungewohnten Mittagshitze eine fast unheimliche Atmosphäre. Hier sollte irgendwas sein, sagt das Gefühl. Aber außer Geschichte ist hier nichts.

Generell sind die Wege fast ausschließlich gut begehbare Wald- oder Forstwege, was zwar wenig Abenteuer bedeutet, aber auch wenig Asphalt. Wird mal eine Straße gekreuzt, ist der Asphalt meist top. Note to self: ruhig mal mit dem Rennrad herkommen!

Kleiner Wermutstropfen: Der laut Karte bestehende Pfad durchs Grüne nach Eisenach existiert nicht. Das bedeutet unnötige 10 Kilometer über Straße bis zum Bahnhof. Den ansonsten großartigen Eindruck trübt das aber nicht.

Nächste Etappe dann über den Rennsteig wieder von Eisenach weg. Aber dann ohne Zelt und mit Laufschuhen. Denn dazu gibt es ja bald den Rennsteig Supermarathon…

Das Training wird spezifischer: Tempospitzen und Höhenmeter

Frühling und Herbst scheinen wir kaum noch zu haben – nach dem Winter ist gefühlt der Sommer wieder da. Dem Training kommt das nur entgegen, denn der Winter wurde für Grundlagen genutzt. Lange Läufe, immer wieder schnelle Einheiten. Neben 30er-Wettkämpfen wie dem Frostwiesenlauf und dem Schneeglöckchenlauf sind auch die ersten beiden Marathons absolviert. Das ist gut so, denn in weniger als einer Woche steht schon der erste reine Trail-Wettkampf an: der Bleilochultra in Saalburg. Danach folgen fast Schlag auf Schlag der Fichtelberg Ultratrail und der Rennsteig Supermarathon.

Höhenmeter sammeln in Berliner Tristesse am Teufelsberg
Höhenmeter sammeln in Berliner Tristesse am Teufelsberg

Mit 74km wird der Rennsteig meine bisher längste Strecke. Gepaart mit diversen Höhenmetern. Um das Training noch spezifischer zu gestalten, versuche ich es mit gezielten Höhenmetern – z. B. beim Community Run Vertical-K am Berliner Teufelsberg (gut 800 HM auf 12km in 90 Minuten) und Sprint-Einheiten, um Spitzen zu setzen: 3.000m im Techniktraining in 11:09 Minuten und 4.300m beim Airport Nightrun in 14:50.

Alles wurde gut verdaut, das normale Training nicht beeinträchtigt. Nur die Tapering-Einheiten sind hart. Das süße Nichtstun ist mental ganz schön anstrengend. Passt die Form jetzt erstmal?

Der Bauch sagt: „Das passt schon so!“

Das Hirn sagt: „Wird schon hinhauen.“

Bleilochlauf, Fichtelberg und Rennsteig werden es zeigen. Danach stehen die wirklichen Herausforderungen an: Zum 1. Mal Zugspitz Ultratrail und das Skyrace im norwegischen Tromsø. Ich bin gespannt!

Den inneren Schweinehund knebeln

Es ist kein Training, wenn es nicht weh tut. Habe ich mal irgendwo gehört. Und ist so schön markig, dass es jedem Hobby-Bruce-Willis das Unterhemd feucht macht. Ist aber auch quatsch.

Wobei…

Es ist auch etwas dran. Unterschiedliche Trainingsreize machen gute Training aus. Das wissen wir alle. Und es müssen immer wieder Spitzen rein, die außerhalb des angenehm laufenden Normalmaß liegen. Schneller oder länger oder beides oder, oder, oder. Eine gute Möglichkeit vor allem für anstehende Langdistanzrennen: der gute alte Doppeldecker. Klassischerweise ein Marathon und am nächsten Tag noch einer. Kann man aber auch abwandeln.

Rain or shine: Lauf durch die Lüneburger Heide
Rain or shine: Lauf durch die Lüneburger Heide

Mitte Februar stand ein kleiner, wunderbar familiär organisierter Marathon in einer der vielen Berliner Parks an. Regen war angesagt, kam aber erst auf den letzten Kilometern. So blieben kühle aber trockene 40 Kilometer, die mit den beiden Regenkilometern auch auf rund 800 Höhenmeter gingen. Eine Seltenheit in Berlin. Tags drauf Wettkampf 2: Frostwiesenlauf. 30 Kilometer, davon 15 im Regen. Hartes Training für die körperliche Ausdauer, aber auch für die mentale Disziplin. Regen und Kälte sind schlechte Begleiter am Tag nach einem Wettkampfmarathon. Aber wo sonst soll die Wettkampfhärte herkommen?

3 Wochen später: Lauf-WE in der Lüneburger Heide. 2,5 Tage, 4 Läufe zwischen 10 und 30 Kilometern, 81 Kilometer insgesamt. Der letzte 30er-Lauf komplett im – Überraschung – Regen. Nicht jeder Kilometer davon hat Spaß gemacht. Als Vorbereitung auf zum Beispiel den langen Rennsteiglauf im Mai oder den Zugspitzultra im Juni aber ganz hervorragende Vorbereitungen. Denn spätestens in den Alpen kann das Wetter noch schneller umschlagen, als gestern bei der Rennradausfahrt mit Wolkenbruch, Hagel und Sonnenschein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also: Inneren Schweinehund knebeln, raus, trotzdem trainieren, und lernen, auch das zu genießen.

Tu es oder lass bleiben – aber laber nicht

“If you die when there’s no one watching
and your ratings drop and you’re forgotten”

So heißt es bei Marilyn Manson in „Lamb of God“. Davon kann man halten was man will – aber mit Worten kann der Mann gut umgehen. Wenn niemand zuschaut, ist es nichts wert. Picture or it didn‘t happen.

Das ist mittlerweile auch im Sport kaum anders.

Heute bin ich über einen Post gestolpert, der zum Blog einer Sportjournalistin führt. Sie bereitet sich gerade auf einen großen und harten Trailrun vor. Gut so. Mehr davon. Natürlich schreibt sie auch darüber. Wer sie ist. Wo sie hin will. Wie schwer das alles ist. Gemeinsam ist ja bekanntlich alles leichter. Es menschelt, der Leser leidet, eifert, schwitzt mit. Und siegt final natürlich auch mit. Das wollen wir lesen. Das geht uns nah.

Was ein Mist.

Warum liegt es eigentlich in unserer DNA, diese beschwerlichen Wege miterleben zu wollen? Damit außergewöhnliche Menschen trotzdem menschlich bleiben und ich so einen Bezug zu meinem leider total austauschbaren Leben herstellen kann? Und warum ist das harte Training z. B. für den ersten langen Trailrun so viel leichter, wenn es unter dem vielstimmig anonymen Antrieb Beifall klatschender Leser und Liker absolviert wird? Große Leistung bedeutet immer auch harte Vorbereitung.

Am Trail starte ich für mich, die Ziellinie überschreite ich alleine. Diese Euphorie teilen zu wollen, ist nur zu verständlich. Irgendwo muss dieses unglaubliche Gefühl ja hin. Auf das ganze Gefunke vorher kann ich gut verzichten. Wie viele Kilometer hast du schon gemacht? Welche neuen Laufschuhe hast du dir gekauft? Auf welches Superfood bist du umgestiegen?

Kein Interesse.

Hast du den Trail, den Berg, die Herausforderung geschafft? Glückwunsch. Erzähl es uns! Das ist verdient. Alles andere braucht kein Mensch.

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Glück an einem Mittwochmorgen im zugefrorenen Grunewald

Was ist Glück? Antworten und Definitionsversuche gibt es viel zu viele. Man kann sich imho nur immer wieder annähern und feststellen: „Das! Das war es.“ Und das kann dann einfach ein frostiger Mittwochmorgen im Grunewald sein.

Viel zu kalt, viel zu werktags, niemand unterwegs. Außer zwei Freunden beim Querfeldeinlauf über gefrorenen Boden aber unter blauem Himmel. Der eine erzählt von seiner Kündigung und der zeitgleich aufgehenden neuen Job-Option. Der andere erzählt von den familiären Problemen zuhause mit Mutter und Vater. Gleich danach wechselt das Thema zu den strahlenden neuen Möglichkeiten die sich dem begabten jungen Journalisten gerade bieten.

Noch immer niemand sonst im Wald unterwegs. Nichtmal Hundehalter.

Die negativen Episoden werden eingerahmt von neuen Optionen und Geschichten aus dem Freundeskreis, während es über Drachenberg, Teufelsberg und diverse Hügel hoch und runter geht.

Nach 25 Kilometern und 400 Höhenmetern ist Schluss. Abklatschen. Glücklich nach Hause fahren.

Das ist Glück.

Glück an einem Mittwochmorgen.

Ruhe im Unwirtlichen

Man soll die Komfortzone verlassen, denn nur dort sind wahres Wachstum und neue Erfahrungen möglich. Außerhalb der Komfortzone ist es vielleicht kalt, nass, anstrengend – aber es ist halt für den guten Zweck.

Doch was ist der komfortable Bereich? Ist er warm und gemütlich und gewohnt? Oder vielleicht kalt und nass und anstrengend? Und was macht es mit der Komfortzonentheorie, wenn es sich ins Gegenteil verkehrt?

Mein Büro ist warm und komfortable. Ein schöner Blick auf die Altstadtmauer, große Pflanze, wohltemperiert. Draußen hat es letzte Woche geregnet und war kalt. Doch der Wind in der internen Struktur und dem Kommandogefüge war kälter, so dass ich an zwei Abenden dezent abgefuckt meine Laufschuhe angezogen habe und im dunklen, kalten Regenwetter Kilometer abgerissen habe. 17 am ersten Tag, 21 zwei Tage später. Nach 12 Kilometern war ich beide mal nass und kalt und verschwitzt – und ruhig. Es funktioniert halt immer wieder. Trotzdem habe ich mich gefragt, wo jetzt die Komfortzone eigentlich liegt? Doch draußen, wo wieder alles gut wurde? Obwohl es nass und kalt war?

Eine Woche später. Der erwähnte Job ist noch relativ frisch. Ziemlich weit oben in der Hackordnung. Es knirscht. Mal wieder. Die Probezeit ist noch nicht ganz vorbei. Also Bilanz ziehen, Meinung sagen, professionell bleiben, trennen, Laufschuhe an, ab in Dunkelheit, Kälte, Schnee. Nach 12 Kilometern wird es ruhiger im Kopf. Nach 16 ist Schluss – es gibt am Abend noch viele Biere zu trinken. So viel Mensch sein muss sein.

Was lernen wir daraus? Laufen ist gut. Und: das Büro im neuen Job ist ganz klar nicht die Komfortzone. Gut, dass ich auch dort viel Zeit verbracht habe. Denn ich habe wirklich viel gelernt, das ich im gemütlichen Lebensteil davor nicht wusste. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ich auch wieder bestätigt bekommen habe: Komfortzonen sind von Mensch zu Mensch und Situation zu Situation unterschiedlich.

Samstagnacht mal 64km des Berliner Mauerwegs laufen

Wenn man Freunden für Samstagabend absagt, weil man die ganze Nacht lang mit ein paar anderen Menschen 64km des Berliner Mauerwegs laufen will, wird man schnell für bescheuert erklärt. Wegen der Distanz. Wegen des Termins. Wegen der Zeit. Und nochmal wegen der Distanz.

Nachtlauf 2018 (c) LG Mauerweg

Nachtlauf 2018 (c) LG Mauerweg

Es war mein erster 64km-Lauf und mein erster reiner Nachtlauf. Start 23:30 ab Berlin HBF. Ich habe mich großkotzig natürlich in die schnellste Gruppe einsortiert, die außer an den Verpflegungsstellen auch keine Gehpausen einlegen wird – im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen. Alle anderen Mitläufer haben die Nachtrunde in den vergangenen Jahren schon mitgemacht. Ok, interessant. Sie haben aber auch alle schon den ganzen verdammten Mauerlauf an einem Stück gelaufen. Die verdammten über 164km! War wohl doch eine bescheuerte Idee von mir? Ich halte meine Laufstatistik mal zurück.

7h später kommt unsere Pace-Gruppe als erste am Wannsee an. Learnings:

  1. Überschätz dich ruhig. Kein Problem. Du musst nur danach auch liefern. Keine Ausreden.
  2. Partytouristen in Berlin sind die Pest, die zwar etwas Tourigeld in die Stadt bringt, aber den Geist der Stadt zerstört. Selbst die typischen Neuköllner waren nicht so ätzend, als nachts 10 Läufer mit Warnwesten (ja: savety first) an ihnen vorbeilaufen. Verreckt einfach am nächsten Vodka Energy.
  3. Eine Nacht lang laufen ist weniger anstrengend, als eine Nacht lang feiern.
  4. Die letzten 15km sind scheiße.
  5. Den ganzen Mauerlauf will ich nie machen. Nie. NIE!

Organisiert wurde der Spaß von der LG Maurweg, die wieder ganze Arbeit geleistet hat. Sehr cool!

Und ja: Manche der Läufer haben wirklich nen Hau weg. Aber sie lassen wenigstens ihre Umgebung in Ruhe. Im Gegensatz zum den Kreuzberger Partytouristen…

Die Komfortzone

Komfort

Komfort ist die Bequemlichkeit, die auf der Präsenz von bestimmten Maschinen, Gegenständen oder Anlagen beruht. Eine Einrichtung ist auf Grund ihrer Möglichkeiten und ihrer Ausstattung mit Gegenständen komfortabel, wenn sie dem Menschen Arbeit verringert und ihm Behaglichkeit bietet.“ (Wikipedia >)

Fortschritt

„Das Neue wird immer im Schmerz geboren.“ (Graham Greene >)

Pläne

„Jeder hat einen Plan, bis er eins auf die Fresse bekommt.“(Mike Tyson >)

Schmerz

„Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.“ (Sagen Läufer gerne)

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